Über Geld spricht man nicht. Auch nicht im Literaturbetrieb, höchstens hinter vorgehaltener Hand. Auf der Bühne der Konferenz re:publica Anfang dieser Woche war das anders. Da überraschte die Autorin Mareice Kaiser ihren Diskussionspartner, den Autor Hanno Sauer, mit der Frage, doch einmal zu vergleichen, was beide jeweils als Vorschuss für ein Buch bekämen. Sauer gab an, 160.000 Euro zu bekommen, Kaiser hingegen nur 15.000.
Eine Diskussion, die die Literaturwelt spaltet – auch online
Die Literatursoziologin Carolin Amlinger hatte als Zuhörerin des Panels auf der Berliner re:publica diese Passage auf Bluesky referiert und damit den Startpunkt für eine erhitzte, von Ressentiments nicht freie Diskussion gesetzt, die die Literaturwelt seitdem in Atem hält:
Warum sind die Vorschusslorbeeren pekuniärer Natur so ungleich verteilt? Was sind die Gründe für die deutlichen Unterschiede bei den Vorschüssen, die für Bücher gezahlt werden? Ist dies ein weiteres Beispiel für den Gender-Pay-Gap, die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen? Oder für krasse Klassenunterschiede, um die es auf dem Podium ja gehen sollte, behandelte es doch die Frage „Was Klasse heute bedeutet“?
Eine Autorin, ein Autor, ein ähnliches Thema
Beide Autoren haben zu diesem Thema publiziert: Der Philosoph Hanno Sauer legte 2025 das Buch „Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten“ vor, die Journalistin Mareice Kaiser hatte 2022 bereits ihr Buch „Wie viel. Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht“ vorgelegt. Beide Bücher liefen gut, allerdings in unterschiedlichen Höhen, worauf dann auch diese Zuschauer-Frage aus dem Publikum der re:publica gezielt haben mochte: „Was sind die Verkaufszahlen von euren Büchern? Welches Buch kommt besser an?“
Eine berechtigte Frage, wenn man davon ausgeht, dass Vorschüsse in aller Regel reines Erwartungsmanagement sind: Einen hohen Vorschuss kassiert derjenige, von dem sich der den Vorschuss zahlende Verlag hohe Verkäufe verspricht. Es sind Wetten auf die Erfolgsträchtigkeit der einzelnen Titel.
Hanno Sauer erwiderte nichts auf diese Publikumsfrage, Mareice Kaiser aber sagte mit Blick auf Hanno Sauer: „Sein Buch stand auf der Spiegel-Bestseller-Liste, meines nicht, aber mein Vorgänger, was eigentlich dafür sprechen würde, dass mein Vorschuss hätte höher sein müssen.“ Und fügte hinzu, dass ihr Buch nicht so gut gelaufen sei.
Erwartete Verkaufszahlen spiegeln sich im Vorschuss wider
De facto hat Mareice Kaiser von ihrem Buch „Wie viel. Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht“ nach Informationen des BR knapp 8.000 Exemplare verkauft. Hanno Sauer hingegen verkaufte von seinem Buch „Klasse“ rund 32.000 Exemplare. Ein Unterschied, der sich, nüchtern betrachtet, in der Höhe der Vorschüsse widerspiegelt.
Hanno Sauer erklärt nun auf der Online-Plattform X, er habe sich auf dem Panel ungenau ausgedrückt: Es habe sich bei der Summe von 160.000 Euro um einen sogenannten Mehrbuch-Vertrag gehandelt: Er habe für sein Buch „Klasse“ lediglich 50.000 Euro Vorschuss erhalten und für dessen Vorgänger „Moral“ 110.000 Euro.
Von diesem Titel „Moral. Die Erfindung von Gut und Böse“ gingen gut 23.000 Exemplare über den Ladentisch. „Vor allem mit den Auslandsverkäufen“, so schreibt Sauer auf X, „ist das alles längst eingespielt.“ Ob es sich tatsächlich so verhält, vermag nur sein Verlag Piper zu beantworten. Aber Verlagshäuser halten sich traditionell bedeckt, was genaue Zahlen anbetrifft.
Wer verdient wieviel?
So auch Mareice Kaisers aktueller Verlag Penguin, der für ihr jüngstes, 2025 erschienenes Buch „Ich weiß es doch auch nicht: 101 entlastende Antworten auf existenzielle Fragen“ dem Vernehmen nach einen Vorschuss gezahlt hat, der ein Mehrfaches dessen betragen haben soll, was sie einst für ihr Buch „Wie viel. Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht“ erhalten hat.
Von diesem Vorschuss war auf der re:publica indes nicht die Rede. Es wäre der Erzählung, derzufolge es sich bei alledem um einen Fall von Gender-Pay-Gap handelt, auch eher abträglich gewesen.

