Dass Menschen eine manchmal regelrecht obsessive Faszination für das Wetter hegen, ist allgemein bekannt. Und bei aller fix unterstellten Belanglosigkeit auch nachvollziehbar: Wer will schon bei Starkregen in die Arbeit radeln oder während einer Bergtour in ein Gewitter geraten? Im Vergleich zu dem, was vor knapp 80 Jahren auf dem Spiel stand, sind derartige Alltagsvorkehrungen allerdings Kinkerlitzchen: Am 5. Juni 1944 wollen die Alliierten in Frankreich landen und damit den Zweiten Weltkrieg beenden. Tausende Menschenleben hängen davon ab.
Auch wenn es nach einer schrägen Randnotiz aus dem Geschichtsbuch klingt: Ohne umsichtige Meteorologen hätte der D-Day eine andere Wendung nehmen können – und somit der Verlauf des Zweiten Weltkriegs.
Der Einfluss des Wetters auf den Lauf der Geschichte
Verlustreich war die Landung der alliierten Truppen in der Normandie Anfang Juni 1944 auch so. Filme wie „Der Soldat James Ryan“ oder das Schwarz-Weiß-Epos „Der längste Tag“ haben das eindrücklich in Szene gesetzt. Das Kriegsdrama „Pressure“ aber setzt weder auf Action noch auf Blockbuster-Bombast: Die kammerspielartige Handlung konzentriert sich auf die strategische Planung im Vorfeld und auf die Stresssituation, den idealen Zeitpunkt zur Befreiung Europas und der von der Wehrmacht besetzten französischen Küste zu finden. Ursprünglich sollten die vor allem amerikanischen und britischen Soldaten am 05. Juni ins Gefecht ziehen. Dass das Datum kurzfristig um einen Tag nach hinten verschoben wurde, geht nicht auf militärische Überlegungen zurück, sondern auf die Bedenken des schottischen Meteorologen James Stagg.
Der stets preisverdächtig agierende Andrew Scott qualifiziert sich mit dieser Rolle einmal mehr für die laufende Award-Saison. Der 49-Jährige, der schon in „Der Soldat James Ryan“ eine Komparsenrolle hatte, spielt den Chefmeteorologen der Royal Air Force als brillanten, aber auch verbissenen und sozial inkompetenten Mann, der nicht nur seinem Team Widerworte gibt, sondern selbst dem Oberbefehlshaber der Alliierten, General Dwight D. Eisenhower. Denn gegen die Aussagen anderer Experten prognostiziert Stagg für den geplanten D-Day eine Sturmfront, deren Ausmaß die komplette Mission gefährdet.
Wettlauf gegen die Zeit
Die scheinbar unmögliche Drehbuch-Aufgabe, aus einer zahlenbasierten und nerdig klingenden Wetterberechnung eine emotional einnehmende Handlung zu destillieren, wird durch die „Einer gegen alle“-Konstellation effizient gelöst – ähnelt der auf einem Theaterstück des Briten David Haig basierende Film doch einer sich langsam aufbauenden Gewitterfront.
Die unter Hochspannung stehenden Über-Egos der Büro-Strategen prallen aufeinander wie Kalt- und Warmfronten. Stagg verteidigt seine Position, die Generäle wollen an ihrer Planung festhalten. Die Dialoge werden zunehmend hitziger, die Pausen dramatischer, das Uhrenticken lauter, und der Score von Volker Bertelmann, der 2023 einen Oscar für seine Filmmusik zu Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“ gewonnen hat, tut sein Übriges. Auch wenn die Musik gern etwas weniger effektheischend hätte ausfallen dürfen: „Pressure“ ist eine durch und durch gelungene Geschichtsstunde, die sogar Gegenwartsbezug hat. Denn das Beharren auf einer rationalen Expertenmeinung ist in postfaktischen Zeiten so wichtig wie eh und je.

