Marvin (26) steht im Bad seiner Eltern, der Blick konzentriert Richtung Spiegelbild. Jetzt greift er sich fest neben die Augen, zieht und kneift die Augen dabei zusammen. Wiederholungen dieser Übung sollen die Augen schmaler machen – und schmale Augen bei Männern attraktiver sein. „Hunter Eyes“ heißt diese Übung. „Du jagst sozusagen mit deinen Augen“, erklärt Marvin und meint, dass dieser Look bei Frauen richtig gut ankäme. Und das ist genau das Ziel unter Looksmaxxern: Mehr Erfolg – im Dating, bei Frauen und im Leben insgesamt.
Den gesamten Einblick in Marvins Looksmaxxingwelt zeigt die Reportage „Der Hype ums perfekte Männergesicht – Looksmaxxing extrem“ in der ARD Mediathek.
Die Looksmaxxing-Philosophie
Hinter Looksmaxxing steckt ein Weltbild, das sich vor allem in Incel-Foren entwickelt hat und dort mit vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnissen begründet wird. Die zentrale Idee: Frauen interessieren sich ausschließlich für die attraktivsten Männer und wer optisch nicht mithalten kann, habe im Dating und in Beziehungen kaum Chancen. Um in diesem vermeintlichen „Ranking“ aufzusteigen, versuchen Looksmaxxer deshalb, ihr Aussehen gezielt zu optimieren. Diskutiert werden exakte Gesichtsproportionen, etwa der Abstand zwischen Mund und Nase oder ein möglichst markanter Kiefer. Wer diese Kriterien erfüllt, gilt als erfolgreicher – nicht nur in der Liebe. Marvin ist überzeugt, dass attraktive Männer auch im Berufsleben ernster genommen und von anderen Männern besser akzeptiert würden.
Die Ideale, an denen sich die Szene orientiert, sind dabei auffällig einseitig. Immer wieder fällt der Name von US-Schauspieler Matt Bomer: weiß, symmetrisches Gesicht, klassische westliche Schönheitsstandards. Wer diesen Vorstellungen nicht entspricht, wird in manchen Foren als „subhuman“ bezeichnet – als minderwertig oder untermenschlich.
Bonesmashing: Wenn Selbstoptimierung zum Gesundheitsrisiko wird
Diese Logik ist scheinbar schnell als menschenfeindlich entpuppt, doch auf TikTok und in Onlineforen nehmen tausende junge Männer genau diese Inhalte ernst. Sie wollen attraktiver werden, um auch was vom Erfolg abzubekommen. Einer von vielen ist Benni (21) aus Augsburg. Seit er online von Looksmaxxing gehört hat, betreibt er sogenanntes Bonesmashing. Dabei schlägt er sich selbst mit der Faust hart auf die Gesichtsknochen – in der Hoffnung, dass kleine Risse entstehen und die Knochen markanter zusammenwachsen.
Kieferchirurg Dr. Klaus Roth widerspricht dieser Vorstellung und erklärt, dass Knochen nicht einfach reißen. Stattdessen entstehen durch die Gewalteinwirkung Narben im Untergewebe, die für Schwellungen sorgen. Bonesmashing ist risikoreich: Wer tatsächlich so fest zuschlägt, dass Knochen brechen, riskiert dauerhafte gesundheitliche Schäden.
Der Gegentrend zur Härte
Looksmaxxer Marvin veröffentlicht seine Inhalte inzwischen nicht mehr nur auf TikTok. Neben Videos zu Methoden wie „Hunter Eyes“ bietet er mittlerweile auch Coachings an, in denen er andere Männer nach ihrem Aussehen bewertet und erklärt, wie sie ihre Punktzahl verbessern könnten. Gleichzeitig wächst auf Social Media ein neuer Widerstand gegen die Szene. Immer mehr Männer sprechen öffentlich darüber, wie sehr sie die Inhalte verunsichern. TikToker Elias sagt: „Seit es Looksmaxxing gibt, ich war noch nie so insecure über mein Aussehen“. Selbst die Augen würden inzwischen zum Problem: „Eigentlich sollten die nach oben gehen, nach Looksmaxxing-Standards“. Emotionale Offenheit und weniger Härte unter Männern – vielleicht liegt genau darin ein gesunder Gegenentwurf.

