Geschwindigkeit. Das ist das gefühlt am häufigsten genannte Schlagwort dieses Tages, unmittelbar gefolgt von Daten und KI. Die Geschwindigkeit, mit der Künstliche Intelligenz die Medizinforschung verändert, Wissenschaftler zu immer neuen Erkenntnissen treibt, Ärzten bislang kaum Denkbares ermöglicht und letztlich die Gesellschaft verändert. Wo das alles hinführen kann, soll, muss und aus ethischer Sicht darf, darüber tauschen sie sich hier aus, bei der Medizin-Konferenz DLD Health x Baiosphere (externer Link). DLD steht für Digital Life Design, Baiosphere ist das zentrale Netzwerk für KI in Bayern.
Die medizinische Elite trifft sich zum Stelldichein
Rund 400 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medizin sind gekommen: Ferenc Krausz ist da, der Physik-Nobelpreisträger, mit dessen Entdeckung Mediziner künftig aus Blutproben den Aufbruch von Krankheiten wie Krebs vorhersagen sollen, bevor die ersten Symptome auftreten. Jürgen Schmidhuber, Informatiker, KI-Pionier, Urgestein des Deep Learnings, genauso wie Björn Ommer, Erfinder von Stable Diffusion, einem der bekanntesten KI-Bildgeneratoren der Welt. Auch Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) ist dabei.
KI macht möglich, was bislang wie Wunschdenken schien
Klar ist: KI hat die Medizin in einer Geschwindigkeit verändert, die selbst viele der Experten hier überrascht hat. Hört man ihren Vorträgen zu, sieht man mit eigenen Augen ihre Präsentationen, glaubt man ihren Daten, dann steht der Welt eine rosige gesundheitliche Zukunft unmittelbar bevor. Krebs, Schlaganfälle, Kinderwunsch: Die Heilungen scheinen nur noch eine Frage weniger Jahre zu sein.
Wie Patienten mit ihren Gedanken Maschinen steuern
Eines der eindrücklichsten Beispiele ist der Fall des querschnittsgelähmten Michael Mehringer aus dem Landkreis Rosenheim. Er ist einer von nicht mal einhundert Menschen weltweit, denen Ärzte Elektroden ins Gehirn eingesetzt haben, um mit Gedanken einen Computer zu steuern. Mehringer ist Teil eines Forschungsprojekts an der Technischen Universität München. Auf der Konferenz-Hauptbühne erzählt er von seiner derzeitigen Aufgabe: einen Mauszeiger auf einem Bildschirm zu bewegen. Nicht mit einer Maus, nicht mit einem Touchpad, allein mit seinen Gedanken. Klingt nach Science-Fiction? Funktioniert aber. Was dabei in seinem Gehirn passiert, zeichnet ein Computer auf. Mehringers Ziel: unabhängig werden. Nächstes Ziel: Allein mit seinen Gedanken einen Roboterarm steuern, der seinen eigenen ersetzt.
Wer kennt künftig noch alles unsere Gedanken?
Damit die KI lernen kann, was in Mehringers Gehirn passiert, muss sie trainiert werden. 15 Terrabyte Daten produziert er allein jedes Jahr. Nicht einfach irgendwelche Daten. Bildlich gesprochen liest die KI Michael Mehringers Gedanken. Wenn aber Computer und Mensch eins werden, wenn KI die Gedanken eines Menschen aufzeichnen und dechiffrieren kann, dann müssen diese Daten auch irgendwo gespeichert werden. Das wirft Fragen auf – auch ethische. Was passiert mit diesen Daten? Wer kann Michael Mehringers Gedanken noch lesen – außer einer KI?
Schon heute wissen Tech-Firmen, Staaten und Krankenkassen mehr über die meisten Menschen, als ihnen recht sein dürfte. Selbst das, was wir in unseren Wohnzimmern besprechen, hören oft genug die Siris und Geminis dieser Welt mit. Wirklich privat sind nur unsere Gedanken. Noch.
Mensch und Maschine verschmelzen: Ein Blick in die Zukunft?
Die Ergebnisse der Hirnforschung sollen schon in wenigen Jahren die Lebensqualität tausender Menschen verbessern: Schlaganfall- und Alzheimerpatienten sollen dann wieder sprechen können, Parkinsonpatienten sich wieder kontrolliert bewegen, durch Unfälle Querschnittsgelähmte wieder ein eigenständiges Leben führen.
Soweit die medizinische Perspektive. Glaubt man einigen der Konferenzteilnehmer, dann bereitet sie bereits den Weg für eine weitere: die kommerziell-gesellschaftliche Perspektive.
Auch gesunde Menschen würden sich künftig Chips implantieren lassen, um sich selbst zu optimieren. Er erwarte, dass es binnen zehn Jahren soweit sei, sagt einer der Mediziner am Rande der Konferenz in einem Hintergrundgespräch. Warum etwa sollten passionierte Gamer künftig noch händisch eine Maus steuern, wenn sie allein mit ihren Gedanken viel effizienter sein könnten? Eine abwegige Vision? Oder doch ein visionärer Blick in die Zukunft der Menschheit?

