In insgesamt elf Großstädten quer durch Deutschland sind am Mittwoch Psychotherapeutinnen und -therapeuten auf die Straße gegangen, neben Berlin und Hamburg auch in Würzburg und München. Hier zählte die Polizei rund 250 Teilnehmende. Begleitet von Sprechchören und Trillerpfeifen forderten sie, dass eine Honorarkürzung zurückgenommen wird, die das dafür zuständige Entscheidungsgremium beschlossen hat. Auf Transparenten waren Slogans zu lesen wie „Wartezeiten kürzen statt Honorare“ oder „keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit“.
Kassen argumentieren mit hohem Kostenanstieg
Im „Erweiterten Bewertungsausschuss“ hatten sich die gesetzlichen Krankenkassen gegen die Vertreter der Kassenärzte und -psychotherapeuten durchgesetzt und mit den Stimmen von drei unparteiischen Ausschussmitgliedern eine Honorarkürzung um 4,5 Prozent erwirkt. Die Honorare für Psychotherapie seien in den vergangenen Jahren deutlich schneller gestiegen als die für andere ärztliche Behandlungen, argumentierten die Kassen. Dadurch sei eine Schere aufgegangen, die jetzt geschlossen werden müsse.
Warnung vor zusätzlichen Einschnitten
Unter den Demonstrierenden in München war auch Susanne Berwanger, sie hat eine Praxis in München und ist Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Die Begründung für die Honorarkürzung der Honorare sei irreführend, findet Berwanger. Ihre Berufsgruppe liege schon immer am unteren Ende der medizinischen Fachgruppen. Das werde durch die Kürzung verschärft.
Berwanger fürchtet außerdem, dass Pläne, mit denen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) einen weiteren Anstieg der Kassenbeiträge verhindern will, zusätzliche negative Folgen haben. Die Ministerin plant Budgets, also Obergrenzen für die Ausgaben. Sie folgt damit Vorschlägen einer Expertenkommission, die insgesamt 66 Maßnahmen erarbeitet hat, um den schnellen Anstieg der Kassenbeiträge der vergangenen Jahre zu stoppen.
Unter anderem sollen die Ausgaben grundsätzlich nicht mehr schneller steigen dürfen als die Einnahmen der Kassen. Das hätte allerdings fatale Folgen für die Psychotherapie, fürchtet Berwanger: „Wenn wir mit unseren Leistungen in die Budgetierung rutschen, dann kriege ich wirklich existenzielle Probleme.“ Ähnlich werde es vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen gehen, warnt sie. Als Konsequenz könnte die Zahl der angebotenen Therapieplätze sinken. Das wiederum könnte längere Wartezeiten für Patienten nach sich ziehen, fürchtet die Therapeutin.
Kassen fordern Kostenbegrenzung
Die Krankenkassen verteidigen die Honorarkürzung. Die Ausgaben für Psychotherapie hätten sich seit dem Jahr 2013 mehr als verdoppelt, rechnet der Verband der Ersatzkassen (VDEK) vor, zu dem unter anderem TK, Barmer und DAK gehören. Wichtig sei es, die Versorgung von Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, die psychisch besonders belastet sind, fordert der VDEK.
Dazu müssten die Ressourcen besser eingesetzt werden, erklärt der Verband. So sollte beispielsweise stärker auf Gruppentherapie gesetzt werden. Deren Wirksamkeit sei inzwischen wissenschaftlich gut belegt.

