Wer sich auf den Weg zum Musikhaus Thomann macht, der muss sich auf Entschleunigung einstellen. Denn der Musikhandelsriese, der im vergangenen Jahr 1,6 Milliarden Euro umgesetzt hat, sitzt nicht in Berlin, München oder Hamburg, sondern in Treppendorf, einem Örtchen in Oberfranken, das man nur über kurvige Landstraßen erreicht, vorbei an Obstgärten und Karpfenteichen. Dort hat Firmengründer Hans Thomann Senior in der kargen Nachkriegszeit einen kleinen Musikalienhandel eröffnet und zunächst Dinge wie Mundstücke oder Noten an örtliche Blaskapellen verkauft.
Richtig Fahrt nahm das Unternehmen ab 1996 auf, als der heutige Firmenchef Hans Thomann als einer der ersten auf den Online-Handel setzte. Heute macht das über das Internet generierte Versandgeschäft das Gros der Umsätze aus, allerdings besteht auch der Laden in Treppendorf weiter. Wobei „Laden“ eine sehr zurückhaltende Bezeichnung für die vielen Quadratmeter Verkaufsfläche ist.
Provinz als Wettbewerbsvorteil
Als junger Mann habe er manchmal damit gehadert, dass sein Unternehmen in der tiefsten Provinz sitzt und nicht etwa in München, erzählt Hans Thomann bei einem Rundgang über das Firmengelände. Heute wisse er aber, dass es in Treppendorf etwas gab und gibt, was in Metropolen fehlt: Platz für ein inzwischen riesiges Lagergeschäft, für Bürokomplexe, eigene Ton- und Videostudios, hektargroße Logistikhallen und nicht zuletzt: Parkplätze. Das alles sei in Großstädten nicht machbar oder unerschwinglich.
Aussterben der Musikgeschäfte
Gegen die Marktmacht von Thomann haben es kleinere Musikgeschäfte schwer. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche urbane Konkurrenten aufgegeben. Zuletzt schloss mit Hieber Lindberg in München eines der bekanntesten bayerischen Musikgeschäfte für immer seine Türen.
Beratung und Service als Überlebensstrategie
Ein Hauptgrund, warum er vom winzigen Treppendorf aus einem globalen Riesen wie Amazon Paroli bieten könne, ist aus Sicht von Thomann der hohe personelle Aufwand, den er betreibe. So beschäftigt er in dem Ort mit weniger als 200 Einwohnern rund 1.900 Menschen. Mehr als 300 von ihnen seien Fachberater und -verkäufer.
Seinem Verkaufsteam zahle Thomann keine Provisionen. Damit wolle er sicherstellen, dass gerade Anfängern keine hochpreisigen Profi-Instrumente angedreht würden, die sie gar nicht bräuchten. Darüber hinaus werde nach eigenen Angaben jedes Instrument, zum Beispiel eine Gitarre, vor dem Versand eingestellt. Diese Leistung müsse er bieten, um langfristig bestehen zu können.
Konkurrenz aus den USA
Grundsätzlich wächst das Unternehmen weiter, nach Angaben von Hans Thomann um jährlich fünf bis acht Prozent. Die Gewinne investiere er nahezu vollständig in die Firma, so der Firmenchef. Mit dieser Strategie hat er es in seinem Segment zur Nummer Eins gebracht – zumindest in Europa. Global gesehen rangelt der fränkische Mittelständler um diese Spitzenposition mit einem Konkurrenten aus den USA namens Sweetwater Sound.
Streit um die Strat – Das Duell mit Fender
Zuletzt sorgte Thomann mit einer juristischen Auseinandersetzung für Aufsehen. Das Unternehmen wehrt sich gegen die Geschäftspolitik von Fender. Das US-Unternehmen hatte zahlreichen Gitarrenherstellern und Musikhändlern Unterlassungserklärungen zustellen lassen. Sie sollen demnach Gitarren vom Markt nehmen, die nach Einschätzung von Fender zu nahe am Design des bekannten Modells Stratocaster liegen.
Thomann war davon gleich doppelt betroffen. Denn das fränkische Unternehmen ist nicht nur Händler, es vertreibt unter dem Namen Harley Benton auch eigene Instrumente seiner Hausmarke. Darunter sind auch Elektrogitarren, die nach Einschätzung von Fender Markenrechte verletzen. Thomann will nun mit einer Klage klären lassen, ob Fender überhaupt eine rechtliche Handhabe für sein Vorgehen hat. Umgekehrt hat Fender eine Gegenklage gegen Thomann angekündigt. Der Ausgang dieses Konfliktes ist offen.

