Katharina (Nachname der Redaktion bekannt) verbringt viel Zeit im Ferienhaus der Familie in Immenstaad am Bodensee. 2024, mit fast 80 Jahren, offenbart sie ihrer Familie dort ein lange gehütetes Geheimnis: Die Geschichte ihres Lebens, über die jahrzehntelang alle geschwiegen haben, und die plötzlich verdeutlicht, dass dieser Ort am Bodensee viel mehr für sie ist als nur ein Urlaubsort. Katharina ist die Tochter eines französischen Offiziers, der hier am Ende des Zweiten Weltkriegs stationiert war. Katharina ist ein sogenanntes französisches Besatzungskind.
Katharinas Mutter ist 23, als sie 1945 in den letzten Kriegsmonaten allein nach Immenstaad geschickt wird, ins Ferienhäuschen der Familie. Vermeintlich in Sicherheit. Im April kommen die Alliierten in den kleinen Ort. In einer gefährlichen Situation beschützt sie ein französischer Soldat. Noch im Frühjahr 1945 verlieben sie sich. Sich mit dem damaligen Feind einzulassen, ist damals nicht nur ein gesellschaftliches Tabu. Das sogenannte „Fraternisierungsverbot“ verbietet alliierten Soldaten unter Androhung harter Strafen Beziehungen mit der einheimischen Bevölkerung. Und es besteht auch noch einige Monate über das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 hinaus.
Mindestens 400.000 Besatzungskinder gibt es in Deutschland
Historikerin Silke Satjukow berichtet in ihrem Buch „Bankerte!“, dass hunderttausende Frauen in der Nachkriegszeit vergewaltigt werden, andere prostituieren sich oder gehen Beziehungen mit russischen, amerikanischen, britischen oder französischen Soldaten ein, weil sie auf ein besseres Leben hoffen. Bei Katharinas Eltern ist es Liebe.
Mindestens 400.000 Besatzungskinder werden zwischen 1945 und 1955 in Deutschland von Alliierten gezeugt – Katharina ist eines davon. Satjukow forscht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu Besatzungskindern und geht von einer höheren Zahl aus: „Viele Frauen haben nicht gemeldet, dass sie schwanger sind. Oder sie haben behauptet, es sei ein Deutscher gewesen. Die Frauen haben nicht offiziell gesagt: Der Vater war ein Besatzungssoldat.“
Katharinas Vater wird noch vor ihrer Geburt zurück nach Frankreich versetzt. Katharina und ihre Mutter gelten als „Schande der Familie“. Aus Erfahrungsberichten weiß man, dass zahlreiche Besatzungskinder jahrzehntelang das Gefühl haben, „nicht richtig“ zu sein. Manche erleben Gewalt und Rassismus.
Französische Besatzungskinder: Mütter sollen Kinder zur Adoption abgeben
Der französische Staat betrachtet die Kinder seiner Soldaten als „Enfants d’Etat“ – Kinder des Staates – und drängt die Mütter, sie abzugeben. Die Besatzungskinder sollen in Frankreich zur Adoption freigegeben werden. Satjukow betont, dass „kein Kind aus den Armen einer Mutter weggenommen wurde“, wenn sie das nicht wollte. Aber der psychische Druck sei groß gewesen und das Angebot, das Kind abzugeben, „verführerisch“. Katharinas Mutter möchte ihr Kind behalten – und flüchtet in die US-amerikanische Besatzungszone.
Besatzungskinder starten Suche nach Vater oft bei Wendepunkten im Leben
Als Kind findet Katharina ein Foto von einem unbekannten Mann. Ihre Mutter schweigt und Katharina lernt: „Da fragt man nicht, da fasst man nicht dran, das tut weh oder so.“ Einige Jahre nach dem Tod der Mutter – an ihrem 59. Geburtstag – beschließt Katharina: „Jetzt suche ich ein Jahr intensiv, und wenn ich dann nichts finde, ist dieses Thema für mich abgeschlossen.“ Der Zeitpunkt ist kein Zufall, sagt Satjukow, die fast 200 Besatzungskinder interviewt hat: „In der Rente, die Kinder gingen aus dem Haus, die Mutter starb – in ihrer Biografie ist das eine ganz besondere Zeit. Und diese Zeit forderte zu fragen: Wo komme ich eigentlich her?“ Katharinas Suche ist voller Wendungen und unglaublicher Zufälle – und endet mit einer großen Überraschung.
Vereinigungen helfen Besatzungskindern bei der Suche nach Vätern
Mittlerweile ist Katharina mit zahlreichen Besatzungskindern in Kontakt, sie tauschen sich aus und unterstützen sich. Wer Familienangehörige, Unterstützung, Tipps oder andere Besatzungskinder sucht, kann sich zum Beispiel hierhin wenden: Die deutsch-französische Vereinigung „Coeurs sans frontières“ („Herzen ohne Grenzen“, externer Link) unterstützt unter anderem Kinder französischer Besatzungssoldaten in Deutschland sowie Kinder von Besatzungssoldaten der Wehrmacht in Frankreich. Die US-amerikanische Gruppe „GItrace“ (externer Link) und der deutsche Ableger „Besatzungsväter“ (externer Link) helfen deutschen und österreichischen Kindern amerikanischer Soldaten. „Distelblüten“ (externer Link) unterstützt bei sowjetischen Vätern. Mehrere nationale Vereine für Wehrmachts- und Besatzungskinder sind im internationalen Netzwerk „Born of War“ (externer Link) zusammengeschlossen.
Podcast-Tipp „Der verbotene Vater“: Schicksal eines französischen Besatzungskinds auf der Suche nach dem Vater
🎧 In drei Folgen berichtet der Podcast „Der verbotene Vater“ bei „Alles Geschichte“ in ARD Sounds von Besatzungskind Katharina und ihrem Schicksal. Emotional, erlebbar und exklusiv: Podcast-Autorin Anne Kleinknecht konnte mit Katharina besonders offen sprechen, weil sie mit ihr verwandt ist. Die Journalistin hat viel über die Besatzungskinder der Alliierten in der Nachkriegszeit recherchiert, um Katharinas Erzählungen einzuordnen. Ein feinfühliger, spannender und wichtiger Podcast, der Geschichte erlebbar und Mut macht.

