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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Erfolgsgeheimnisse beim ESC: Hilft Melancholie beim Gewinnen?
Kultur

Erfolgsgeheimnisse beim ESC: Hilft Melancholie beim Gewinnen?

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 11. Mai 2026 12:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Käme es beim ESC nur auf die Musik an, hätte die deutsche Teilnehmerin Sarah Engels mit „Fire“ schon mal einiges richtig gemacht: Ihr Song steht in der traurig-mystischen Tonart e-Moll und erfüllt damit ein angebliches Erfolgskriterium des Wettbewerbs. Langjährige Beobachter des ESC in den britischen Wettbüros wollen nämlich herausgefunden haben, dass mit fröhlichen Songs in Dur wenig zu gewinnen ist. Das dürfte also nicht der Grund sein, warum Sarah Engels die Wettprofis bisher nicht überzeugen konnte und auf Platz 23 von 35 Teilnehmern liegt.

Inhaltsübersicht
Zwiespältige Lebensgeschichten faszinieren Publikum„Problemfälle“ lassen niemanden kaltForscher: Erfolgstitel setzen „neue Standards“

Wer beim ESC gewinnen will, muss das Publikum nicht nur mit seinem Song, sondern auch mit seiner (gebrochenen) Persönlichkeit überzeugen, und da ist Aufmerksamkeit die härteste Währung. Es gilt, aufzufallen: mit einer aufregenden Lebensgeschichte, einem möglichst schrägen Outfit, einem krassen bis umstrittenen Show-Act, vor allem jedoch mit einer emotionalen Bindung an die Zuschauer im Saal und vor den Bildschirmen.

Zwiespältige Lebensgeschichten faszinieren Publikum

Beispiele dafür sind die finnischen Grusel-Rocker der Band Lordi, die 2006 gewannen, der österreichische Performer Thomas Neuwirth alias „Conchita Wurst“, der 2014 triumphierte, die römische Rockband Måneskin, die den Wettbewerb 2021 aufmischte, und Nemo, die erste nichtbinäre Person, die 2024 für die Schweiz siegte. Auch der letztjährige Gewinner Johannes „JJ“ Pietsch lieferte als Countertenor mit philippinischen Wurzeln eine vielfach inspirierende Personality-Story.

Wer das Publikum mit einer so spannenden wie zwiespältigen Lebensgeschichte in den Bann schlägt, hat eindeutig bessere Chancen. So war es wenig überraschend, dass Gil Ofarim im vergangenen Februar „Dschungelkönig“ wurde („Ich bin ein Star – Holt mich hier aus“). Er produzierte ständig Schlagzeilen, aber nicht mit seinen Songs, sondern weil er einen Hotelmitarbeiter in Leipzig fälschlich des Antisemitismus beschuldigt hatte. Das mediale Echo war ohrenbetäubend, Ofarims Schicksal zwischen Trotz und Demut elektrisierte große Teile der Öffentlichkeit.

„Problemfälle“ lassen niemanden kalt

Auch der gebürtige Münchner Menowin Fröhlich, diesjähriger Sieger von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), hält sich zuverlässig mit nicht-musikalischen Themen in den täglichen Pop-Nachrichten, wozu eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung und Betrug und weitere Strafverfahren nicht unwesentlich beitrugen. Bei den einen löst er mit seinen Showauftritten „Entsetzen“ aus, andere halten ihn für einen „Problemfall“. Wie auch immer: Seine Biografie lässt kaum jemanden kalt.

Wenn (emotionale) Aufmerksamkeit das wichtigste Erfolgskriterium beim ESC und anderen Pop-Wettbewerben ist, wer kann da in diesem Jahr beim Finale in der Wiener Stadthalle mithalten? Der finnische Sänger Pete Eemeli Parkkonen und die Geigerin Linda Lampenius, die mit „Flammenwerfer“ als Top-Favoriten gehandelt werden, überzeugten im Vorfeld wohl mehr mit ihrer feuersprühenden, originellen Show als mit ihren Lebensgeschichten, auch wenn Parkkonen aus einer Zirkus- und Musikerfamilie stammt.

Forscher: Erfolgstitel setzen „neue Standards“

Dagegen hat der griechische Teilnehmer Akylas Mytilineos, dem ebenfalls sehr gute Erfolgschancen bescheinigt werden, zweifellos hervorragende Qualitäten als Show- und Mode-Ikone. Deutsche Zuschauer dürften sich bei seinen farbenfrohen Auftritten an Designer Harald Glööckler erinnert fühlen. An emotionaler Bindekraft mangelt es auch nicht: Sein Song „Ferto“ wird als Huldigung seiner Mutter verstanden, die es mit seiner Erziehung außerordentlich schwer gehabt habe. Sentimentaler Dance-Floor-Pop buchstäblich zwischen „Tüll und Tränen“.

Mag sein, dass der ESC immer politischer wird. Noch entscheiden ihn allerdings die Gefühle und so, wie es aussieht, vor allem melancholische. Moll ist also kein Zufall. Allerdings hat eine neue Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich („Den Code knacken“) jüngst ergeben [externer Link], dass es nicht ausreicht, alle „Erfolgsgeheimnisse“ des ESC zu berücksichtigen, also tanzbaren Pop in englischer Sprache abzuliefern. Das machten inzwischen fast alle.

Wer unter diesen zur „Roten Königin“ mutieren wolle, müsse obendrein risikobereit sein: „Die erfolgreichsten Songs geben den Trend vor, aber sie kopieren nicht einfach den durchschnittlichen Konkurrenzsong; vielmehr weichen sie von der Norm ab und setzen neue Standards, die andere anschließend imitieren.“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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