Sucht man bei einer Person, deren künstlerisches Schaffen sich über mehrere Jahrzehnte zieht, nach der einen Sache, die die Popkultur der Gegenwart nachhaltig geprägt hat, dann kann man eigentlich nur scheitern. Bei der US-Sängerin Cher ist das hingegen gar nicht so schwer. Nein, die Rede ist hier nicht von dem schwarzen Kleid, das die damals noch fast 80-Jährige Anfang Mai bei der Met Gala in New York trug.
Was von Cher bleiben wird, ist ein musikalischer Stimm-Effekt: Autotune. Oder besser: die Zweckentfremdung dessen. Eigentlich dazu gedacht, im Studio oder auf der Bühne in Echtzeit einen nicht ganz sauberen Ton zu korrigieren, hat ihn Cher für ihren Song „Believe“ soweit überstrapaziert, dass ihre Stimme eine roboterhafte Anmutung bekam, weil die Töne über die Maßen exakt auf die Noten gesprungen sind.
Autotune als Stilelement
Was 1998 zumindest in der Konsequenz eine Neuheit war, ist heute Gang und Gäbe. Von Madonna über Kanye West bis hin zu den Strokes nutzen viele Künstler Autotune als hörbares Stilelement – mal mehr, mal weniger stark.
„Believe“ landete in über 20 Ländern auf Platz eins. Und das dazugehörige Album wurde mit über 20 Millionen verkauften Einheiten das erfolgreichste Album der bis dato nicht unerfolgreichen Musikerin. Denn Cher zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Musikerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts und ist die einzige Sängerin, die in sechs aufeinanderfolgenden Jahrzehnten einen Top-Ten-Hit landete.
Durchbruch mit „Sonny & Cher“
Zum Gesang fand Cher allerdings erst über Umwege. Ihre Mutter war erst 18 Jahre alt, als Cherilyn Sarkisian LaPiere am 20. Mai 1946 im kalifornischen El Centro auf die Welt kam. Ihr Vater, ein armenischer Lastwagenfahrer, verließ Mutter und Kind kurz nach der Geburt. Mit 16 Jahren ging die unter einer Lese-Rechtschreibschwäche leidende Cher von der Schule ab und zog nach Los Angeles, wo sie eine Schauspielschule besuchte.
1964 lernte sie den Gelegenheitsarbeiter Salvatore „Sonny“ Bono kennen, durch den sie zum Gesang fand und den sie noch im selben Jahr heiratete. 1965 landete das Duo „Sonny & Cher“ mit „I Got You, Babe“ einen Welthit, weitere folgten. Von 1971 bis 1975 moderierte das Paar eine eigene Fernsehshow, die „Sonny and Cher Comedy Hour“, die sich hoher Einschaltquoten erfreute und Ende der 90er Jahre mit einem Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood gewürdigt wurde.
Oscar als beste Hauptdarstellerin
Musikalisch ging Cher ab Anfang der 70er Jahre eigene Wege, 1974 reichte sie die Scheidung ein. 1982 begann sie eine neue Karriere als Schauspielerin, und schon die Rolle als lesbische Kernkraftwerksarbeiterin in dem Anti-Atomkraft-Film „Silkwood“ von 1983 brachte ihr eine Oscar-Nominierung und den Golden Globe für die beste weibliche Nebenrolle ein. Ihre erste Hauptrolle als Mutter eines Schwerbehinderten in dem Film „Die Maske“ von 1985 bescherte Cher in Cannes den Preis für die beste Schauspielerin. 1988 wurde sie für ihre Rolle in der Komödie „Mondsüchtig“ mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin geehrt.
Im Laufe ihrer langen Karriere hat sie sich immer wieder neu erfunden: vom Hippiemädchen über die Disco-Queen mit Glamour, knappen Outfits und Las-Vegas-Auftritten bis hin zur Interpretin von Abba-Songs oder Rockerin. „Mal war ich angesagt, mal war ich nicht angesagt. Aber ich war immer ich selbst“, sagt Cher.
Wenn Cher heute 80 Jahre alt wird, merkt man ihr das hohe Alter zwar nicht an: „Es gibt 20 Jahre alte Mädels, die nicht das können, was ich kann.“ Aber trotzdem hat sie für die Zeit nach ihrem Tod bereits vorgesorgt. Sie besitzt seit Jahren eine Grab-Parzelle auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise – direkt neben zwei anderen Legenden: Musiker Jim Morrison und Schriftsteller Oscar Wilde.
Mit Informationen von AFP und dpa

