Am schlimmsten war die „Pissrinne“ in der Schultoilette. „Furchtbar, dieser stechende Geruch. Man konnte fast nicht atmen in dem Klo. Da war immer das Fenster auf und trotzdem war die Luft so beißend von diesem Gestank, dass man sich da wirklich nicht gern aufgehalten hat“, erinnert sich Anja Waninger, Elternbeiratsvorsitzende der Augsburger Ulrichschule.
Viele Kinder wollten gar nicht erst aufs Klo gehen, immer wieder mussten Schülerinnen und Schüler wegen Bauchweh abgeholt werden. Vor gut zwei Jahren nahmen Waninger und ihre Mitstreiter das Problem selbst in die Hand.
Schultoiletten: Horrororte in ganz Deutschland
Die Schultoilette als Horrorort – viele Kinder und Jugendliche können davon berichten. Wie viele, das weiß Svenja Ksoll von der German Toilet Organization e.V. (externer Link). Der gemeinnützige Verein setzt sich seit 2005 weltweit für einen menschenwürdigen Zugang zu Sanitäranlagen ein. „Wir bekommen jeden Tag Anfragen von Schulen aus dem ganzen Bundesgebiet“, sagt die Projektkoordinatorin für Schultoiletten im BR-Interview.
An Berliner weiterführenden Schulen hat die Organisation 2023 zusammen mit der Universität Bonn eine Studie durchgeführt. Das Ergebnis: 46 Prozent der Schüler vermeiden das kleine Geschäft und 85 Prozent das große – damit sie nicht auf die Schultoilette müssen. Weil Seife, Klopapier oder Handtücher fehlen, Türschlösser kaputt oder Löcher in der Wand sind und der Gestank viele abschreckt.
„Toiletten machen Schule“: Neues Hilfe- und Info-Portal
Wenn Kinder länger ihr Geschäft zurückhalten, kann das zu Bauchschmerzen, chronischer Verstopfung oder Harnwegsinfektionen führen. Wer den ganzen Tag nichts trinkt, kann sich schlechter konzentrieren. Dann leiden der Lernerfolg.
Um Schulen praktisch zu unterstützen, hat die German Toilet Organization das kostenlose Hilfe- und Info-Portal „Toiletten machen Schule“ (externer Link) gestartet. Seit Mai ist es online. Zielgruppe sind alle, die etwas ändern wollen: Schulleitungen, Lehrkräfte, Schüler, Hausmeister, Reinigungskräfte, Eltern.
Vier-Schritte-Plan zur besseren Toilette
Damit Schultoiletten besser und von den Schülern gerne genutzt werden, empfehlen die Experten von „Toiletten machen Schule“ vier Schritte:
- Ein Team bilden. „Solche Prozesse können nicht auf den Schultern von einer Person liegen“, erklärt Ksoll. Ganz wichtig sei, von Anfang an die Schüler einzubeziehen.
- Genau hinschauen – aus Sicht der Kinder. Wie sehen die Toiletten wirklich aus, was funktioniert, was fehlt? Ksoll sagt dazu: „Die Schülerinnen und Schüler sind die Hauptnutzer, sie wissen genau Bescheid.“
- Konkrete, machbare Maßnahmen planen. „Wir wollen nicht gleich die ganze Schule umbauen“, so Ksoll. Oft reiche es, Seifenspender zuverlässig zu füllen, eine klare Meldekette einzuführen oder Licht und Farben zu verbessern.
- Strukturen schaffen, zum Beispiel klären, wer Seife nachfüllt und Schäden meldet.
Bessere Schultoiletten in Augsburg – dank Eltern, Schulleitung, Schülern
Für Anja Waninger kam das Portal zu spät – und doch haben sie in Augsburg vieles richtig gemacht. Eltern und Schulleitung zogen an einem Strang. Schüler fotografierten ihre Ekelorte und hielten sie für ein Memory-Spiel fest. Mit der „Schwabenhilfe Augsburg“, einem von Eishockey- und Fußballfans gegründeten Verein, fanden sie Unterstützer.
Auf den „Sankt-Nimmerleins-Tag“ zu warten, sei keine Option gewesen, so Waninger. Nach einem Spendenfest legten die Freiwilligen 2024 selbst Hand an und renovierten die Klos. Die Kinder konnten mitreden, etwa bei der Farbwahl. Waninger ist überzeugt, dass Mitsprache auch Vandalismus vorbeugt: „Wenn ein Kind sagen kann: ‚Guck mal, die Farbe habe ich ausgesucht‘, ist die Hemmschwelle größer, da etwas kaputt zu machen.“
Mitbestimmen und mitgestalten
Das ist auch Svenja Ksolls Erfahrung. Und, auch wenn es Rückschläge gebe: „Es ist einfach wichtig, dranzubleiben.“ Für Ksoll ist der „stille Ort“ mehr als nur ein Raum für ein Grundbedürfnis: „Die Schultoilette ist ein Ort für Demokratieförderung.“ Kinder und Jugendliche können dort erleben, dass ihre Stimme zählt und sie mitgestalten können.
Das zeigt sich auch in Augsburg: Die sanierten Schultoiletten werden demnach von den Kindern besser angenommen. Zumindest im Haupthaus in der Maximilianstraße. In der Außenstelle Göggingen stehe die Sanierung noch bevor – aber auch dort soll es bald losgehen, eine örtliche Baufirma habe ihre Hilfe bereits zugesagt.

