Deutschland hat ein Geburtenproblem. Aber keins, das mit fehlendem Willen zu erklären wäre. Laut der Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ können sich 55 Prozent der 14- bis 29-Jährigen Kinder vorstellen. Sozialforscher Kilian Hampel, einer der Autoren der Studie, sagt im BR24-Interview für „Possoch klärt“: „Grundsätzlich glaube ich, der Kinderwunsch wäre schon vorhanden. Aber er ist an gewisse Voraussetzungen geknüpft – und diese Voraussetzungen sind derzeit nicht gegeben.“
Irene Gerlach vom Forschungszentrum Familienpolitik relativiert zudem den angeblichen Trend zur bewussten Kinderlosigkeit, der gerade durch die sozialen Medien geistert: Unter Frauen, die ihre reproduktive Phase abgeschlossen haben, sei der Anteil dauerhaft Kinderloser nur bei rund 20 Prozent. Der Hype ums „Kinderfrei-Sein“ sei überbewertet.
Die Zurückhaltung beim Kinderkriegen liegt nicht am fehlenden Kinderwunsch, sondern an externen Faktoren: stagnierende Reallöhne, explodierende Wohnkosten, mangelnde Betreuungsplätze, befristete Arbeitsverhältnisse. Und der Druck sozialer Medien, die gleichzeitig perfekte Familien und erschöpfte Eltern zeigen – eine Schere, die laut Hampel Unsicherheit erzeugt und den Aufschub begünstigt.
Die Teilzeitfalle: Struktur schlägt Wille
Wer den Schritt trotzdem wagt, läuft schnell in ein strukturelles Problem. Katharina Wrohlich, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, schildert den Mechanismus: Das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern machen das Einverdienermodell finanziell attraktiv – obwohl es seit 1977 rechtlich überwunden sein sollte. 86 Prozent der Mütter arbeiten in Teilzeit, unter Vätern sind es acht Prozent.
Die Folgen ziehen sich bis ins hohe Alter: In Teilzeit findet weniger Lohnwachstum, weniger Karrierefortschritt statt – und am Ende sind die Renteneinkünfte deutlich geringer. Gleichzeitig fordert Bundeskanzler Merz mehr Arbeitsleistung. Wrohlich sagt dazu: „Das ist natürlich irgendwie die Quadratur des Kreises.“
Lukas Riedel vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung sieht den wirksamsten Hebel gegen die Teilzeitfalle im weiteren Ausbau der Kinderbetreuung – durch die öffentliche Hand, aber auch durch stärkeres Engagement der Arbeitgeber. Geldleistungen wie das Elterngeld könnten zwar Einkommensausfälle ersetzen, nicht aber verpasste Karrierechancen kompensieren.
Im Video: Keine Kinder, Deutschland kaputt? Possoch klärt!

