Es gibt diese mal mehr, mal weniger sinnigen Sprach-Tests, mit denen man nicht aus Bayern Stammende hierzulande gerne auflaufen lässt. Beispiel: „Wannst an Schmei hädst schupfadstn“ (Rechtschrift kann abweichen) – übersetzt auf Hochdeutsch bedeutet das: „Wenn du Schnupftabak hättest, würdest du ihn schnupfen.“ Bayern geben dann gerne noch zum Besten, wie man diesen Satz durchkonjugiert, also: „Wenn ich Schupftabak hätte; wenn du …“
Wer daran scheitert, kann sich damit trösten, dass sich auch der Sprach-Gigant ChatGPT daran die Zähne ausbeißt. Auf die Frage, was denn dieser eingesprochene Text heißen könnte, kommt nur virtuelles Schulterzucken.
Bairisch hat endlose Variationen
Das soll ein Projekt nun ändern, bei dem der Landesverein für Heimatpflege (externer Link) und zwei Lehrstühle der LMU München zusammenarbeiten. Eine künstliche Intelligenz (KI) soll dabei Bairisch lernen – und zwar mit all seinen regionalen Nuancen.
Es gibt nämlich nicht das eine Bairische, sondern es handelt sich um eine Sprachfamilie mit unzähligen Dialekten und Variationen. Wobei sich die sprachlichen Gewohnheiten über die Zeit auch noch ständig verändern.
Wo verlaufen die Sprachgrenzen?
Der Nutzen, den das aktuelle Projekt erbringen soll, ist vielfältig. Lars Bülow, Sprachwissenschaftler und Leiter des Lehrstuhls an der LMU München für germanistische Linguistik (externer Link) forscht zur bairischen Sprache nicht nur in Bayern, sondern auch in Österreich und Südtirol.
Er erhofft sich neue Erkenntnisse über die regionalen Unterschiede und Sprachgrenzen im Bairischen, wie er im BR24-Gespräch erzählt. Wo zum Beispiel wird aus dem südbairischen „bäs“ für böse, ein nordbairisches „beiis“. Ferner kann sich Bülow einen konkreten Nutzen für die Menschen im Alltag vorstellen. Das zeige ein Blick in die Schweiz.
KIs sollen „Sprache der Herzen“ erlernen
In Krankenhäusern in der deutschsprachigen Schweiz leisten Dialekt-KIs laut dem LMU-Experten bereits gute Dienste und sorgen dafür, dass es zu weniger Missverständnissen zwischen Patienten und Personal kommt.
Die Erfahrung lässt sich gedanklich weiterspinnen. Maschinen sollen über kurz oder lang in die Lage versetzt werden, Menschen „mit der Sprache ihres Herzens“ anzureden und zu verstehen, wie Bülow das formuliert. Er kann sich zum Beispiel vorstellen, dass sich etwa das Navi im Auto so einstellen lässt, dass es den jeweiligen regionalen bairischen Dialekt beherrscht. Ob das hilft, die Aggressivität im Straßenverkehr zu senken? Muss sich zeigen.
KI-Training als Sisyphusarbeit
Das Training der KI ist in diesem Fall extrem mühsam. Die Mitarbeitenden des Projekts werden in die Regionen fahren, um dort Stimmen einzusammeln. Die Tonaufnahmen müssen dann transkribiert und ins Hochdeutsche übersetzt werden. Wenigstens ein Teil dieser Arbeit wird von Menschen gemacht, da die KIs die Dialekte ja eben noch nicht beherrschen. Pro Region sollen für das Projekt 20 bis 40 Stunden an Tonaufnahmen gemacht werden.
Los geht´s in zwei Regionen
Angefangen wird in Mittenwald (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) und im Raum Mühldorf am Inn. Ab Juli werden dort die Interviews geführt. Wie viele Punkte oder Regionen insgesamt getrennt untersucht werden, ist noch unklar.
Am Ende aber sollen nicht nur User und Wissenschaftler profitieren. Man sieht in dem Projekt kulturpolitische Bedeutung. Wenn man mit seinem Navi so sprechen kann, wie einem der Mund gewachsen ist, dann hilft das womöglich, die Dialekte Bayerns lebendig zu halten, so die Überzeugung der Initiatoren des Projektes.

