Wer in Bayern mindestens einen Einser im Zeugnis oder ein „sehr gutes Verbalgutachten“ hat, darf am 3. August kostenlos mit allen Regionalzügen und S-Bahnen fahren. Das gilt auch für die Linien der Bayerischen Seenschifffahrt – sogar beliebig oft und die ganzen Sommerferien lang (wenn ein zahlendes Familienmitglied dabei ist). Umsonst ins Freibad oder ein kostenloses Eis: Auch das ist mancherorts für Kinder und Jugendliche mit einer Eins möglich.
Schon länger gibt es Kritik am reinen Notenfokus. Der Tiergarten in Nürnberg geht seit einigen Jahren einen anderen Weg: Wer am ersten oder letzten Ferientag ein selbst gemaltes Tierbild abgibt, darf den Zoo kostenlos besuchen. Eine Sprecherin des Tiergartens sagt auf BR24-Anfrage, bei der Aktion erhalte man immer „hunderte tolle Bilder“, die schönsten zeige man in den sozialen Netzwerken. Auch bei der Wasserburger Inn-Schifffahrt haben sie ein Herz für weniger erfolgreiche Schulkinder: Mit einer Fünf oder Sechs im Zeugnis darf man die ganzen Sommerferien als Trost umsonst mitfahren.
Schülersprecherin Bäuerlein: „Nicht nur eine Eins ist etwas wert“
Beim Lernen geht es längst nicht mehr nur um die reinen Noten. Ebenfalls wichtig sind soziale Kompetenzen, Teamfähigkeit, kritisches Denken, die persönliche Entwicklung, Kreativität, Selbstorganisation. Das betont auch Jana Bäuerlein vom Landesschülerrat in Bayern. „Nicht nur eine Eins ist etwas wert“, sagt Bäuerlein auf BR24-Anfrage. „Viele Schülerinnen und Schüler arbeiten genauso hart, erreichen aber vielleicht keine Bestnote.“ Auch dieses Engagement müsse man würdigen und belohnen.
Aktionen wie die kostenlose Bahn- oder Schifffahrt für eine Eins im Zeugnis will Bäuerlein aber nicht kritisieren. „Wir wollen uns darüber nicht beschweren“, betont sie. „Grundsätzlich ist es natürlich schön, wenn gute Leistungen anerkannt werden.“ Bei Belohnungen oder Auszeichnungen in der Schule sei es aber besser, auch persönliche Leistungsverbesserungen oder besonderes Engagement zu würdigen. „Wertschätzung motiviert“, sagt Bäuerlein. Das könne auch Wertschätzung für die beste künstlerische Leistung oder einen tollen Gemeinschaftserfolg sein.
Fachleute: Nicht „aufgrund der Belohnung“ lernen
Bayerns Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) warnt ebenfalls davor, bei der Leistungsbelohnung nur auf eine Eins im Zeugnis zu achten. Natürlich motiviere ein Lob. Den Fokus bei Belohnungen aber nur auf Bestleistungen zu richten, komme zu kurz (externer Link). Sich von einer Fünf in Mathe auf eine Drei hochzuarbeiten, sei ebenfalls eine exzellente Leistung. „Oder wer in der deutschen Sprache extrem zugelegt oder trotz einer Teilleistungsstörung eine gute Note geschafft hat.“
Klaus Zierer, Schulpädagoge an der Universität Augsburg, sagte dem BR vor einiger Zeit: Belohnungen nur an Zeugnisnoten zu koppeln sei „rückwärtsgewandt“. Sinnvoller sei es, mit Maßnahmen wie kostenloser Schiff- und Bahnfahrt alle Familien in der Ferienzeit zu unterstützen. Außerdem könne bei guten Schülerinnen und Schülern ein unerwünschter Effekt eintreten: „Wenn jemand gerne lernt und ich den ständig belohne, kann es passieren, dass er nicht mehr aufgrund des Faches lernt, sondern aufgrund der Belohnung.“

