Beatles-Schallplatten brennen und Radiosender weigern sich ihre Musik zu spielen. Als die Beatles im Sommer 1966 – vor 60 Jahren – in Chicago ihre dritte USA-Tour starten, weht ihnen eine Welle des Protests entgegen – vor allem von empörten Christinnen und Christen. Ausgelöst wurde sie durch eine Aussage von John Lennon in einer Zeitschrift: „Wir sind jetzt populärer als Jesus.“
„Die Herausgeber haben die Zeitschrift proaktiv an Radiostationen geschickt“, sagt Lennon-Biograf Nicola Bardola. „Und die Radiostationen haben die Provokation bekannt gemacht und dazu aufgerufen, die Beatles zu boykottieren.“ Vor einem dieser Radiosender ratterte sogar eine Häckselmaschine, in der jeder seine Beatles-Platten schreddern konnte. Der Ku-Klux-Klan hielt Mahnwachen vor Beatles-Auftritten. Morddrohungen, Zorn und Empörung vor allem in radikal-christlichen Kreisen.
Startschuss der Provokation: Volle Fahrt Richtung Hölle
„In dieser Vehemenz, dass wirklich breite Gesellschaftsteile eine Rockband attackieren, war das in den 60ern neu“, sagt Manuel Trummer, Professor für empirische Kulturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Und dieser Skandal war eine Art Startschuss der Provokation mit christlicher Symbolik in der Musik-Geschichte. Der nächste Aufschrei: 1979 veröffentlichte die Rockband AC/DC ihr Album „Highway to Hell“. Gitarrist Angus Young erinnert sich in einem Interview mit dem Magazin Rolling Stone: „Es gab Leute, die bei unseren Konzerten auf Plakate Gebete geschrieben hatten.“
Auch Madonna nutzte christliche Symbolik in ihrer Kunst. Im Musikvideo zu „Like A Prayer“ räkelte sie sich einer Kirchenbank, die Lyrics voller sexueller Anspielungen. Obwohl es es keinen Beleg dafür gibt, hält sich bis heute das Gerücht, dass Papst Johannes Paul II. daraufhin zum Boykott von Madonna aufgerufen habe. Und nach einer TV-Übertragung eines Madonna-Konzerts aus Spanien 1990 im italienischen Sender RAI kommentierte die vatikanische Zeitung „L’Osservatore Romano“, der Auftritt sei gegen „den gesunden Menschenverstand, den guten Geschmack und den Anstand“.
Darum nutzen Artists auch heute noch Teufelssymbolik
Mit Engelchen und Teufelchen spielen auch heutzutage internationale Musik-Artists. Bei den Grammy Awards 2023 performte Sam Smith, nicht-binär und in einer Beziehung mit einem Mann, in Latex-Teufel-Look den Song „Unholy“. „Sam Smith hat mit diesem Outfit und mit seiner Sexualität letztlich verschiedene Normen eines konservativen Amerika hinterfragt“, sagt Kulturwissenschaftler Trummer. „Da sind mehrere Dinge zusammengelaufen, die total gegen den Strich eines konservativen Amerikas gehen.“ Die Reaktion folgte prompt, unter anderem schrieb der republikanische US-Senator Ted Cruz auf X: „This is evil“.
„Was früher die Plattenverbrennung war, ist heute der Shitstorm auf TikTok“, sagt Trummer. Und den erntete zum Beispiel Nina Chuba 2025 als Reaktion auf einen Song, in dessen Refrain sie sang: „Ich fahr’ zur Hölle, kommst du mit?“ In den Kommentaren unter dem Video häuften sich Bibelverse. Der christliche Rapper Kalesi sprang auf den Aufmerksamkeits-Hype auf und coverte den Song – mit der Veränderung, dass er zur Fahrt in den Himmel statt in die Hölle einlädt. „Diese Aufregungskonjunkturen um provokante Kunst nehmen vor allem im Zeitalter der Sozialmedien wieder massiv zu“, beobachtet Trummer.
Schweizerin dreht anzügliches Video in Regensburger Basilika
Den jüngsten Skandal in dieser Reihe löste die Schweizer Pop-Sängerin Milune aus. In dem Clip zu ihrem Lied „You believe in Jesus, I believe in Pussy“ feiert die 22-jährige Sängerin Milune ihre lesbische Liebesbeziehung. Einige Szenen dazu wurden in der Regensburger Basilika St. Emmeram gedreht – ohne eine Dreherlaubnis dafür gehabt zu haben. Der katholische Pfarrer sprach von einem „absoluten No-Go“.
Was einst sakral war, ist im Pop längst Spektakel. Die religiösen Symbole scheinen dabei nicht an Kraft zu verlieren. Denn sie können nach wie vor für Aufregung und somit für Aufmerksamkeit sorgen.

