Zeichnen geht auch mit der Kettensäge, wie der gelernte Holzbildhauer Heiko Börner gerade auf der Burg im oberbayerischen Tittmoning vorführt. Dort sind Arbeiten des gebürtigen Thüringers zu sehen, die aussehen, als seien sie mit einem feinen Stift ziseliert, schraffiert, geriffelt oder sonst wie graphisch bearbeitet. An den Lärm einer Motorsäge, überhaupt an das kräftezehrende Meißeln und Hobeln denkt wohl kaum ein Besucher, wenn er diese beeindruckenden Objekte sieht.
Börner hat quasi einen neuen Beruf für sich erfunden: „Ich sage immer ganz gern, dass ich ein bildhauerischer Fotograf bin, nur fotografiere ich Dinge, die nicht in Wirklichkeit existieren, sondern ich bilde Momentaufnahmen von etwas ab, was nur in meinen Gedanken existiert.“
Börner macht auch Zeichentrickfilme
Zunächst zeichnet Börner das, was ihm vorschwebt zweidimensional auf Papier, macht übrigens auch Zeichentrickfilme, etwa, wie eine Kugel in einen massiven Holzblock einschlägt, wie sich Material dabei verformt. Einen winzigen Moment in diesem Veränderungsprozess hält er dann fest in einer Holzskulptur, wie das Einzelbild einer Hochgeschwindigkeitskamera.
„Was ich dann später im Holz mache, ist für mich auch eine Form von Zeichnen“, so Börner gegenüber dem BR: „Weil ich eine Arbeitsweise entwickelt habe, in der ich mit den Holzbearbeitungswerkzeugen grafische Spuren erzeuge, grafische Netzsysteme, die wie eine dreidimensionale Zeichnung funktionieren.“
„Papierkunst“ oder „Kaugummi-Masse“?
„Zeitspiel“ heißt die Ausstellung in den Gewölben der Tittmoninger Burg hoch über der Salzach: Wer an diesen Objekten vorbeigeht, hat das Gefühl, dass sie nur eine Sekunde später ganz anders aussehen werden – so dynamisch, so flüchtig wirken sie. Mal erinnert das Holz an Papierkunst, mal an eine zähe Kaugummi-Masse, die gerade dabei ist, auseinanderzufließen und irgendwann abzureißen.
„Die Skulpturen, die dabei entstehen, die leben von den Möglichkeiten, die mir das Holz bietet. Die Linien, die dabei entstehen, die äußeren Kanten, die sind manchmal so dünn, dass ich mir gar kein anderes Material vorstellen kann, in dem das so möglich wäre“, so Börner: „Holz macht das alles mit und ich habe Gestaltungsmöglichkeiten, die ich mit anderem Material nicht hätte.“
„Widerstand bei Eiche oder Esche“
Unglaublich filigran und millimeterdünn sind die äußeren Linien dieser Holzskulpturen, wie mit einem ganz feinen Messer geformt. Stein, so Heiko Börner, wäre für so viel geometrischen Ehrgeiz ungeeignet, denn die Kanten würden schnell brechen und bröseln: „Wenn ich etwas aus einem sehr harten Holz mache, zum Beispiel Eiche oder Esche, dann setzt mir das beim Bearbeiten einen anderen Widerstand entgegen, als wenn ich etwas aus Nussbaum oder Linde mache.“
Je dynamischer die Optik, desto schweißtreibender die Herstellung, erklärt der Künstler: „Gerade die stark strukturierten Zonen meiner Skulpturen, die aussehen, als wäre es bewegliches Material, die erfordern sehr starkes Arbeiten mit den Eigenheiten der bestimmten Holzart.“
„Mit den Gedanken in das Holz hineingehen“
Holz kann offenbar wild dahin strömen, sich mal anspannen und aufbäumen wie eine Sehne oder ineinander stürzen wie ein Wasserstrudel. Erstaunlich, was Heiko Börner aus so einem Werkstück herausholt: „Alle meine Objekte entstehen aus einem Stück. Ich gehe mit meinen Gedanken und der Idee, eine spannungsvolle Formenkonstellation aus dem Material herauszuarbeiten, in das Holz hinein.“
Zeit lässt sich bekanntlich weder aufhalten, noch bremsen. Sie eilt (meist) rasend schnell dahin, reißt die Welt, in der wir leben, mit all ihren Kulissenteilen dabei ständig mit sich, und diese Holzkunst macht die damit verbundene Atemlosigkeit mal beklemmend, mal eher heiter sehr deutlich.
Ausstellung „Zeitspiel“, bis zum 3. Oktober 2026 auf der Burg in Tittmoning an der Salzach, geöffnet immer donnerstags bis sonntags 14 bis 16 Uhr

