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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Traumschiffe der Renaissance“ im Bayerischen Nationalmuseum
Kultur

„Traumschiffe der Renaissance“ im Bayerischen Nationalmuseum

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 29. Mai 2024 09:06
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Am Anfang ist da ein großes „Häh?“: Eine Seefahrts-Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum? Reiche und Mächtige, die ihren Rotwein aus schiffsförmigen Pokalen trinken wie aus Schnabeltassen und dabei noch aufpassen müssen, sich an den Masten nicht die Augen auszustechen? Und warum waren ausgerechnet Goldschmiede aus Augsburg und Nürnberg – also weit weg vom Meer – auf so etwas spezialisiert?

Inhaltsübersicht
Insignie und Trinkgefäß der LMUDas Schiff: ein ideales StatussymbolAusbeutung der KolonienDas Trinkschiff: Fenster in eine andere Zeit

Insignie und Trinkgefäß der LMU

Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung ist das sogenannte „Goldene Schiff der Universität München“: ein etwa 80 Zentimeter großer Trinkpokal in Form eines Zweimasters, mit aufgeblähten Segeln in Silber über einem goldenen Schiffskörper mit aufwändigen Heck- und Bugaufbauten. Matrosen klettern in der Takelage aus Silberdrähten herum, als Fuß dient ein Meereswesen, halb Fisch, halb Mensch, das das Schiff auf seinen Händen trägt. 1594 in Augsburg hergestellt, dient dieser Pokal der Ludwig-Maximilians-Universität bis heute als offizielle Insignie, Fotos zeigen Ludwig Erhard und die Bürgermeistergattin Wimmer, wie sie daraus trinken.

Auch zur Zeit der Renaissance wurden die Pokale wirklich genutzt, sagt Kuratorin Annette Schommers: „Die Konstruktion ist so, dass man draus trinken kann, sie sind innen vergoldet, das ist auch so ein Zeichen, dass man etwas benutzt hat als Trinkgefäß, weil der Wein oder die Säure das Silber nicht so angreift. Und es gibt auch sehr aufwändige Zwei- und Dreimaster, wo man die einzelnen Teile des Decks, die Heck- oder Bugaufbauten abziehen kann, und das macht man natürlich nur, wenn man so ein Ding benutzen will.“

Das Schiff: ein ideales Statussymbol

Die Ausstellung zeigt eine ganze Flotte solcher Schiffspokale, die meisten aus Silber und Gold, andere komplett aus Glas oder auch aus Elfenbein geschnitzt, die Segel so dünn und durchscheinend wie Papier. Wichtiger als Korrektheit war die Fantasie: Um den Fuß der Pokale schlängeln sich oft Seeungeheuer, andere hatten Räder unter dem Rumpf, sodass man sie auf der Tafel hin- und herrollen konnte. Aber warum denn nun ausgerechnet Schiffe?

„Das Schiff um 1600 ist eine technische Meisterleitung, mit dem man sich auf einen Weg begibt, wo man das Ziel nicht kennt“, erklärt Annette Schommers. Das Schiff von damals ist die Mondrakete von heute: Schiffe standen für den Überseehandel, Gewürze wie Pfeffer oder Muskatnuss und Luxusgüter aller Art kamen per Schiff nach Europa. Der Reichtum vieler Händler beruhte auf dem Handel per Schiff, Schiffe waren Machtinstrumente und ein goldener Schiffspokal damit ein ideales Statussymbol.

Ausbeutung der Kolonien

Doch die Schau beleuchtet nicht nur Tischkultur und Luxusobjekte aus der Zeit um 1600. Auch die damit verbundene Ausbeutung der Kolonien und die Versklavung der einheimischen Bevölkerung werden thematisiert. Ein Buch des spanischen Dominikanermönchs Bartolomé de las Casas schildert, wie die indigene Bevölkerung von den Europäern misshandelt wurde. Lange haben die Kuratoren überlegt, welche der Darstellungen man den Besuchern von heute überhaupt zumuten kann.

Besonders stark: die Nachbildung einer Felsmalerei aus Kolumbien. Die einfachen schwarzen Zeichnungen zeigen riesige Tiere, die auf Gruppen dünner Menschen mit den Händen über den Köpfen zurennen. „Eine Szene zeigt, wie riesige Kampfhunde losgelassen werden auf die Bevölkerung, und man sieht Menschen, denen Gliedmaßen fehlen.“

Das Trinkschiff: Fenster in eine andere Zeit

Außer für Handel und Transport waren Schiffe auch als Kriegsgerät wichtig. Die großen Schlachten der Renaissance waren Seeschlachten. Auch das zeigt sich in einigen Trinkpokalen: An Bord stehen Soldaten mit Schusswaffen im Anschlag, aus dem Schiffsrumpf ragen Kanonenrohre. „Jeder Gast denkt natürlich, da kann man draus trinken“, sagt Kuratorin Annette Schommers, „aber es waren Spritzdrüsen untergebracht und der Wein landete dann nicht im Mund, sondern im Gesicht und das war die Unterhaltung für den Rest der Gesellschaft.“

Das klingt ein bisschen nach Yacht-Party, und als Statussymbol sind die Superyachten von heute tatsächlich eine Art Weiterentwicklung der prächtigen Schiffspokale von damals. Ein einzelner goldener Schiffspokal entsprach einst dem Wert eines ganzen Patrizierhauses.

Die Ausstellung ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein einzelnes – und auf den ersten Blick sogar ein bisschen merkwürdiges – Objekt wie ein Trinkschiff Fenster in eine andere Zeit und Welt öffnen kann. Dinge erzählen und machen Geschichte greifbar. Am Ende ist statt des „Häh?“ jedenfalls ein angenehmes „Aha“ im Kopf.

„Traumschiffe der Renaissance. Schiffspokale und Seefahrt um 1600“: Bis 1. September im Bayerischen Nationalmuseum an der Prinzregentenstraße in München.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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