Der Wohlstand ist in Gefahr: Deutschland hat zu hohe Sozialausgaben, arbeitet zu wenig, und selbst die Autoindustrie ist kein Fortschrittsmotor mehr. Klingt nach Gegenwartsbeschreibung, stammt aber aus dem SPIEGEL vom Januar 1966. Den Westdeutschen sitze „die Angst im wulstigen Genick“, war da zu lesen, die Angst, die große Zeit der deutschen Wirtschaft könne vorbei sein. Begonnen hatte diese Ära nicht in der oft beschworenen „Stunde Null“ – die es nicht gegeben hat – sondern früher, in den Gründerjahren der 1870er. „In den 50ern und 60ern war dieses System am ausgeprägtesten, aber die Ansätze, die lassen sich auch in die Kaiserzeit zurückverfolgen“, sagt Autor Konstantin Richter.
Im System der „Deutschland AG“ waren Großunternehmen und Banken eng miteinander verflochten: durch gegenseitige Aktienbeteiligungen und Aufsichtsratsämter, aber auch durch eine bestimmte Haltung, eine „Kultur“, so Richter, die auf persönlichen Austausch setzte. Ein relativ kleiner Zirkel stimmte eigene Interessen miteinander ab und verstand sie auch als Interessen des Landes. Kaiser Wilhelm besucht Friedrich Alfred Krupp in der Villa Hügel in Essen, Kanzler Adenauer trifft sich in der Kölner Wohnung des BDI-Präsidenten mit Industriellen. Und für Hermann Josef Abs, Chef der Deutschen Bank und mit seinen vielen Aufsichtsratsposten so etwas wie die personifizierte „Deutschland AG“, hält in den 60ern der Zug schon mal außerplanmäßig in Kornwestheim, damit er zu einem Termin kommt.
Der Verstrickungen der „Deutschland AG“
Krupp, Siemens, die Mannesmann-Brüder, Daimler, später Manager wie Jürgen Schrempp oder Thomas Middelhoff: Konstantin Richter schreibt nah an den handelnden Personen. Was mit den Erfindern und Patriarchen der Gründerzeit beginnt, hatte erstaunlich lange Bestand, über politische Umbrüche hinweg. Der Buchtitel bezieht sich auf Walther Rathenau, Sohn des AEG-Gründers und selbst Unternehmer: „Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents“, schrieb der 1909. Rathenau war Jude, wurde in den 20er-Jahren Außenminister – und musste sich gegen die antisemitische Interpretation wehren, eigentlich habe er doch dreihundert mächtige Juden gemeint. Wenig später wurde er ermordet.
Die Verstrickung der deutschen Wirtschaft in den Nationalsozialismus ist ein düsteres Kapitel des Buches. Die Unternehmen profitierten von Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit, die I.G. Farben, zu der große Chemie-Marken wie BASF und Bayer gehörten, war eng mit dem Regime verzahnt – und betrieb nahe Auschwitz ein Arbeitslager mit Fabrik. Auch nach dem Krieg haben die Akteure der „Deutschland AG“ zusammengehalten, so Konstantin Richter: „Das Narrativ war ganz klar: Wir standen unter Zwang, wir konnten nicht anders. Und das war ein Narrativ, das ihnen die Bevölkerung – die ja ähnlich von sich selbst gedacht hat – auch abgenommen hat.“
Ein sehr materialreiches Buch, aber bestens lesbar
Und im aufziehenden Kalten Krieg hatten die West-Alliierten bald kein Interesse mehr daran, die mächtigen deutschen Unternehmen zu zerschlagen. Es ging also weiter, sagt Richter: „Kontinuität gab es auch anderswo, aber nirgendwo war die so stark wie in der Wirtschaft.“
Die kollektive Verdrängung „wirkte leistungssteigernd und identitätsstiftend“, schreibt Richter – auch das ein Motor für das westdeutsche „Wirtschaftswunder“ nach 1945. Grundsätzlich hält sich der Autor mit kritischen Einordnungen eher zurück. Den Riesenstoff von 150 Jahren Wirtschaftsgeschichte organisiert er chronologisch und arbeitet zugleich mit häufigen Szenenwechseln. Das macht die Abfolge kurzer Abschnitte unterschiedlicher Zeiten plastisch und zugänglich – wobei das anekdotische Verfahren nicht immer überzeugt. Das Ende der „Deutschland AG“ lässt sich nicht genau datieren, wenn man aber einen Kipppunkt nennen müsste, wäre es das Jahr 1999: „Von der Schröder-Regierung ist die Steuer für Verkäufe von Unternehmensanteilen aufgehoben worden. Und das hat den Startschuss gegeben, dass die Deutsche Bank und die Allianz und die Dresdner Bank ihre Anteile an den Unternehmen verkauft haben.“
„Dreihundert Männer“ ist ein episch materialreiches Buch, dennoch bestens lesbar und nur hier und da durchweht von einem Hauch Nostalgie.

