Die erste Spezial-Tunnelbohrmaschine für den Erkundungs- und Rettungsstollen der zweiten S-Bahn-Stammstrecke wurde beim Weltmarktführer Herrenknecht im baden-württembergischen Schwanau abgenommen. Sie ist nun bereit zum Abbau und Transport nach München. Es ist ein Megabohrer, 178 Meter lang, 700 Tonnen schwer.
Spezialschneidrad nach Münchner Vorgaben entwickelt
Diese „Mixshield“-Tunnelbohrmaschine mit einem speziell gehärteten Schneidrad soll sich ab September von jenseits der Donnersberger Brücke unter dem Hauptbahnhof und der westlichen Innenstadt bis zum Marienhof durchfressen. BR24 und Merkur/tz hatten die exklusive Gelegenheit, die Funktionsweise beim Weltmarktführer für Tunnelbohrmaschinen, der Firma Herrenknecht, kennenzulernen (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt).
Mit der Arbeitsgemeinschaft Tunnel Hauptbahnhof, kurz ARGE, wurde die Maschine innerhalb eines Jahres entwickelt. Die Tunnelbohrmaschine stabilisiert den Boden während des Vortriebs. Indem eine Stützflüssigkeit namens Bentonit mit hohem Druck mit dem Erdreich vermischt wird, kann der matschige Münchner Untergrund abgebaut werden. So soll verhindert werden, dass das Erdreich in unmittelbarer Nähe zu bestehenden U-Bahnhöfen und unter dicht bebautem Stadtgebiet nachgibt.
Zentimeter für Zentimeter arbeitet sich der Bohrer vor
Während sich die Tunnelbohrmaschine nach vorne arbeitet, entsteht direkt dahinter bereits der fertige Tunnel: Aus tonnenschweren Betonsegmenten setzt die Maschine Ring für Ring die Tunnelröhre zusammen und schiebt sich dabei nach vorne. Acht Meter oder mehr soll sie pro Tag schaffen. Das wässrige Erdreich-Gemisch wird abgepumpt.
Wenn Schneidwerkzeuge ausgetauscht werden müssen oder das Schneidrad feststeckt, bedeutet das harte Arbeit auf engstem Raum unter Druck. Denn am Schneidrad herrscht ein Überdruck von bis zu fünf Bar in einer Tiefe von bis zu 48 Metern. Die Spezialisten müssen durch zwei Druckschleusen, erklärt Projektleiter Johannes Faißt von Herrenknecht. „Das sind ausgebildete Taucher, die haben eine Druckluftausbildung.“
Falls ein Arbeiter Probleme bekommt, kann sich ein Arzt über eine zweite Kammer einschleusen. Das Ausschleusen dauert mehrere Stunden.
Steuerstand mit 1.000 Sensoren
Rund 1.000 Sensoren liefern Echtzeitdaten für den Bohrer-Fahrer. Er überwacht den Spülkreislauf, das Schneidrad sowie Druck und Bodenbewegungen um den Bohrkopf. Der gesamte hintere Teil der Maschine befindet sich bereits im neu ausgekleideten Tunnel. Das bedeutet, dass alle Einrichtungen innerhalb dieses Radius von weniger als fünf Metern sein müssen. Also Rohre, Laufgitter, Aufenthaltsräume: „Das alles auf engstem Raum unterzubringen war die größte Herausforderung“, sagt Ingenieur Faißt.
Abtransport der Erdmassen über Förderbänder und die Schiene
Wenn die Maschine sich ab September vorgräbt, wird das Gemisch aus Erde, Wasser und Bentonit ausgespült und dann wieder separiert. Dazu ist ein mehrstufiges mechanisches Verfahren aus Filtern und Pressen nötig. Für die Vorhaltung von Wasser und die Lagerung der neuen und der verbrauchten Stützflüssigkeit sind große Stahltanks aufgebaut worden. Es ging nur in die Höhe, sagt der Projektleiter der ARGE, Stephan Eitel. „Weil wir keinen Platz haben, da drüben fährt die S-Bahn. Hier ist alles voll mit Bahninfrastruktur, direkt hinter unseren Bauzäunen ist immer sofort ein Kabeltrog.“
Namen für Münchner Tunnelbohrer gesucht
Die Bahn sucht für die weißblaue erste Bohrmaschine für den ersten Tunnel noch einen Namen. Es könnte beispielsweise ein Phantasiename sein, ein Vorname oder auch eine Zusammensetzung. Die Bohrmaschine für einen Tunnel unter der Elbe etwa hieß „TRUDE“, das steht für „tief runter unter die Elbe“, also das Einsatzgebiet des Bohrers.
Kosten und Zeitplan für Tunnelbohrmaschine und Zweite Stammstrecke
Der Bau der zweiten Münchner Stammstrecke soll Entlastung bringen für die störanfällige Münchner S-Bahn. Es sind täglich zwischen 850.000 und knapp einer Million Menschen, die im Bereich dieses Nadelöhrs unterwegs sind. Der erste Spatenstich war 2017. Die Baukosten werden inzwischen auf mehr als zehn Milliarden Euro geschätzt. Insgesamt sechs Tunnelbohrmaschinen werden benötigt. Die genauen Kosten einer Maschine sind Geschäftsgeheimnis sowohl bei Herrenknecht als auch bei den Baufirmen. Es heißt, sie liegen im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.

