Das Setting für Mines Instagram-Videos ist simpel: Man sieht sie in die Kamera sprechen, sie hält einen aufgeklappten Laptop in den Händen und lässt dort Männer zu Wort kommen. Mine macht eigentlich nichts anderes, als das nachzusprechen, was die im Video von sich geben. Und zwar supersynchron. Etwa ein auftrainierter Muskelmann mit Rauschevollbart, der Online-Seminare veranstaltet zum Thema Geld verdienen. Wichtigster Tipp: Die Hände richtig halten beim Geld auffangen.
Auf Social Media hat Mine also einen Weg gefunden, um sich toxischer Männlichkeit entgegenzustellen, zelebrierte Männlichkeitsbilder zu entlarven, der Lächerlichkeit preiszugeben. Ist das neue Album „Killer“ jetzt die musikalische Fortsetzung davon? „Das Thema hat mich ehrlich gesagt in der Musik gar nicht so sehr beeinflusst. Aber ich habe mich allgemein mit solchen Themen auseinandergesetzt und das spiegelt sich in der Musik wider“, sagt die Musikerin.
Die Instrumenten-Sammelwut hinter sich lassen
Bruchstellen in der Gesellschaft und auch solche im eigenen Leben aufzuarbeiten – darum geht es Mine auf der neuen Platte. In Zahlen ausgedrückt: sechstes Album, dritte Therapie. „Man ist ja nie so richtig austherapiert. Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich Dinge nie ganz so hinter mir lassen kann.“
Eines hat Mine aber fürs neue Album hinter sich gelassen: ihre Instrumenten-Sammelwut. Stattdessen: die Entdeckung der Reduktion. Weniger Instrumente, mehr Vibe und kühle Wärme dank analoger Synthesizer. Etwas Neues zu machen, anders als zuvor – so gesehen ist „Killer“ der perfekte Albumtitel. „Man killt alte Versionen oder alte Denkmuster in sich und lässt die so zurück.“
Weltschmerz und gefühlter Horror in Liedform
Das Rausemanzipieren aus Rollenbildern – eines der Themen auf dem neuen Album von Mine, die Anfang des Jahres 40 geworden ist und trotz zweier Bandscheiben-Vorfälle lieber von Midlife-High als von einer Midlife Crisis spricht. Je älter ich werde, desto mehr traue ich mich, Dinge auszusprechen, die zu mir gehören, sagt Mine. Und: Sie werde immer mutiger, weil ich mich immer weniger schäme. Sie gießt ihren Weltschmerz und den gefühlten Horror der Gegenwart in Liedform. Im Lied „Relativ“ findet Mine Worte für die Sprachlosigkeit. Wie kommen wir zusammen, wenn alles um uns braun aussieht?
Die Welt geht nicht unter, doch wo will sie hin, fragt Mine sich und uns im Song „Dunkel“. Landen wir in einer Welt, in der nur noch das Recht des Stärkeren zählt? „Bis einer weint“ heißt ein weiterer Song, der in einer der vielleicht besten Songzeilen des Albums mündet: „Alles was ich schlagen werde, ist die Hände überm Kopf.“ Und a propos: Wir können dankbar die Hände aufhalten für das neue Mine-Album „Killer“. Das Wichtigste ist natürlich: Die Hände richtig aufzuhalten. Und wie das geht, das haben wir ja schließlich schon im Money-Making-Seminar gelernt.

