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Netzwelt

Wie der „Paulanergarten“ zum Internet-Meme wurde

Benjamin Lehmann
Zuletzt aktualisert 8. Mai 2026 19:47
Von Benjamin Lehmann
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5 min. Lesezeit
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Wann immer eine Anekdote im Netz zu schön klingt, um wahr zu sein, taucht ein Kommentar auf: „Geschichten aus dem Paulanergarten“. Hinter dem Spott steckt eine alte bayerische Bierwerbung – und ein erfundener Münchner Biergarten, der inzwischen zum festen Ort der Netzkultur geworden ist.

Inhaltsübersicht
Was bedeutet der Spruch eigentlich?Die echten „G’schichten“Wie aus der Werbung ein Internet-Symbol wurdeZweites Leben auf LinkedIn?

Was bedeutet der Spruch eigentlich?

Ein Beispiel, wie es immer wieder im Netz vorkommt: Jemand erzählt, dass er morgens im Bus einen pöbelnden Fahrgast mit einem schlagfertigen Spruch zum Schweigen gebracht hat. Unter so einer Geschichte taucht oft ein bestimmter Kommentar auf: „Geschichten aus dem Paulanergarten.“ Die Botschaft dahinter ist simpel: Klingt mir zu rund, zu pointiert, zu inszeniert – glaube ich nicht.

Im englischsprachigen Internet gibt es ähnliche feste Formulierungen, etwa „and then everyone clapped“, also „und dann haben alle geklatscht“. Im deutschen Internet passiert etwas anderes: Dort verlagert man die Geschichte an einen konkreten Ort. Wer „Paulanergarten“ oder auch nur „Paulaner“ sagt, schickt die Geschichte gedanklich auf eine Bühne, auf der alle Pointen schon vorgeschrieben sind.

Die echten „G’schichten“

Genau diese Bühne gibt es wirklich – und zwar in der jahrzehntealten TV-Werbung der Münchner Paulaner-Brauerei. Die Spotreihe „G’schichten aus dem Paulanergarten“ kennt man seit den frühen 2000er Jahren. Verantwortlich war zunächst die Hamburger Agentur Kolle Rebbe, später thjnk. Die Werbung folgte einem festen Schema: Eine kleine Episode in einem stilisierten Münchner Biergarten nach dem Vorbild des Biergartens am Nockherberg.

Nur einer von vielen bekannten Spots aus dieser Reihe: Ein junger Mann bestellt ein „Weizen“, ein älterer Stammgast korrigiert ihn freundlich: „Des hoaßt Weißbier.“ Wie alle Paulanergarten-Geschichten ist die Szene nicht sonderlich realistisch – offensichtlich gestellt. Genau diese Künstlichkeit hat das Netz Jahre später aufgegriffen.

Wie aus der Werbung ein Internet-Symbol wurde

Wie oft bei Internet-Memes ist es wohl unmöglich, herauszufinden, wer den Paulanergarten als erstes auf diese Art und Weise als Pointe verwendete. Besonders früh verbreitete sich der Spruch aber Mitte der 2010er-Jahre auf Twitter und ging dann über in die Kommentarspalten anderer Social Media-Plattformen. Auch auf der App „Jodel“ war der Spruch sehr beliebt. Seitdem wird die Formulierung immer weiter verkürzt. Aus „G’schichten aus dem Paulanergarten“ wurde irgendwann nur noch „Paulanergarten“, und mittlerweile sogar oft nur noch „Paulaner“.

Wie so oft auf Social Media wird das Meme auch dazu verwendet, um andere Nutzer auflaufen zu lassen oder abzubügeln. Auch Erfahrungen mit Diskriminierung, Übergriffen oder schlechten Vorgesetzten landen schnell im imaginären Biergarten – selbst wenn nichts an ihnen erfunden ist.

Paulaner selbst äußerte sich schon vor ein paar Jahren auf Twitter dazu: „Unsere G’schichten aus dem #Paulanergarten handeln von Weltoffenheit und davon, dass Bier Menschen zusammenbringt. Dafür sollte der Hashtag eigentlich stehen.“

Doch wie bei so vielen anderen Memes gilt auch hier – das Internet macht, was es will. Der „Paulanergarten“ ist in der Praxis längst nicht mehr in der Hand der Brauerei, die ihm ihren Namen gegeben hat. Sondern in der all derjenigen, die das Meme verstehen und benutzen.

Zweites Leben auf LinkedIn?

Eigentlich ist der Paulanergarten in der schnellebigen Netzwelt fast schon ein Dinosaurier: Seit rund 10 Jahren kennt man das Meme. Dennoch ist in den letzten Jahren wieder vermehrt aufgefallen – insbesondere auf der Karriereplattform LinkedIn.

Das hängt mit einer Art Post zusammen, die auf LinkedIn besonders gut gedeiht: die Lehrstück-Anekdote. Geschichten von einem Bewerbungsgespräch, einer Begegnung mit einem Obdachlosen, einem Pfandflaschen-Sammler oder einem Praktikanten. Mittendrin gibt es eine Wendung, am Ende eine „Lesson learned“. Die Botschaft: „Schau, was ich gelernt habe“, „schau, wie gut ich führe“.

Eine glatt erzählte Anekdote mit Pointe und Moral, vorgetragen von jemandem, dem die eigene Reichweite wichtig ist – das deckt sich fast perfekt mit der Bauweise eines klassischen Werbespots.

 

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Von Benjamin Lehmann
Benjamin Lehmann schreibt für das Ressort Netzwelt der WirtschaftsRundschau. Mit seinem Fachwissen in digitalen Technologien und Internetkultur informiert er über aktuelle Trends und Innovationen und bietet den Lesern wertvolle Einblicke in die digitale Welt.
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