„Ein Waffenstillstand nützt in erster Linie Moskau“, meint der russische Politikberater Igor Dimitriew (128.000 Fans) und begründet das so [externer Link]: „Wenn die Kampfhandlungen eingestellt werden, bleibt Russland der Gewinner – es hat einen Landkorridor zur Krim, der größte Teil des Donbass bleibt unter russischer Kontrolle, und Trump hebt die US-Sanktionen auf.“ Außerdem könne Putin mit einer baldigen Beendigung des Krieges den Westen „spalten“, was der Kommentator wohl als gesichtswahrendes Ausstiegsszenario für den Kreml versteht.
Allerdings werde es dazu nicht kommen, sagt Dimitriew voraus: „Ein Alleinherrscher, ein Monarch, hat kein Recht, Schwäche zu zeigen, vor einem Narren in die Knie zu gehen oder sein Wort zu brechen. Wann genau schlägt diese schwer fassbare Unbeweglichkeit in Zerbrechlichkeit um? Wo verläuft die Grenze zwischen Entschlossenheit und Sturheit? Niemand weiß es. Deshalb gehen Systeme, die auf persönlicher Autorität beruhen, stets einen Schritt weiter, als sie sollten.“
„Putin muss wieder als Macho auftreten“
Einer der tonangebenden anonymen Polit-Blogger räumt gleichfalls ein [externer Link], dass Russland von einem Waffenstillstand mehr profitieren würde als von einer Eskalation. Das werde Putin auch nicht unbedingt schaden: „Er muss beispielsweise im Oktober [nach der russischen Parlamentswahl] nur wieder in seiner alten Rolle als Macho auftreten, bereit, Terroristen bis auf die Toilette zu verfolgen.“
Der „Trick“, nach außen aggressiv zu sein, insgeheim jedoch kompromissbereit, werde propagandistisch zumindest bei den treuesten Kremlfans, nämlich den fernsehschauenden Senioren, funktionieren: „Dann kann Putin die Regierung austauschen und einen triumphalen Tauwettersieg verkünden: ‚Wir sind glücklich!'“
„Plan bis Oktober irrelevant“
Prompt kam Widerspruch von einem der russischen Beobachter [externer Link]: „Das Problem mit diesem an sich guten Plan (und unter den gegenwärtigen Umständen wohl dem einzig vorteilhaften für Russland) ist, dass er mittlerweile durch die wichtigste und unersetzliche strategische Ressource – den Zeitablauf – erschwert wird, der bisher Moskau zugutekam. Daher könnte er bis Oktober irrelevant werden.“
Konkret verweist der Kommentator darauf, dass sich die Nachschubprobleme an der Front in zwei bis drei Monaten voll auswirken könnten, bis hin zu einem „Wanken“ der Kampflinie: „Es gibt kaum Möglichkeiten, den Druck auf Kiew deutlich zu erhöhen. Ohne zumindest eine gewisse Unterstützung aus Peking bleibt Russland strategisch isoliert und kann sein Militär nicht mit vielen wichtigen Materialien und Komponenten versorgen.“
„Durchhalten und Kriegsführung ändern“
Derweil sprechen sich die aggressivsten Propagandisten wie Andrei Medwedew (183.000 Fans) Mut zu („Die Diplomatie ist tot“) und setzen auf ein Wunder [externer Link]: „Insbesondere die nächsten zwei bis drei Monate könnten für den gesamten Kriegsverlauf entscheidend sein. Wenn wir durchhalten, ist die Wahrscheinlichkeit einer entscheidenden Wende zu unseren Gunsten hoch, denn die Ukraine könnte mit ihrer aktuellen Strategie am Ende sein. Um aber durchzuhalten, müssen wir unsere Kriegsführung ändern.“

