Mit Lederhosen konnten die Beatles offenbar nichts anfangen, als sie am 23. und 24. Juni 1966 auf ihrer „Blitz-Tournee“ in München Station machten. Zwar wurden ihnen noch an der Gangway bei der Ankunft am Flughafen Gebirgs-Trachten überreicht, wie sich Zeitzeuge Herbert Hauke erinnert, aber es sei nicht bekannt, ob sie das Outfit jemals getragen oder sich auch nur dazu geäußert hätten. Ein wirkliches Ärgernis war für Hauke rückblickend aber nicht die folkloristische Geste, sondern etwas anderes: „Was ich so unheimlich traurig finde, ist, dass man den Beatles bei der Pressekonferenz selten dämliche Fragen gestellt hat.“
Kurz nach ihrem München-Konzert beendeten die Beatles im August 1966 ihre Live-Auftritte. Ein Grund dafür, so der Rock-Experte: Die damaligen Tonanlagen hätten das Geschrei der Fans nicht mehr übertönen können, die Sänger hätten sich auf der Bühne selbst nicht mehr gehört: „Es gab ja auch sehr viele eifersüchtige Männer. Es wurde mit Schrotflinten auf startende Flugzeuge geschossen, in denen die Beatles drin saßen.“
Die kanadische Polizei habe der Band sogar einen Preis „für Tapferkeit vor den Fans“ verliehen, so hysterisch, wie manche Bewunderer offenbar auf ihre Idole reagierten: „Jeder wollte eine Locke von Paul [McCartney] haben“, so Hauke.
Fotograf mogelte sich ins Hotel-Schwimmbad
Im Deutschen Theater München sind jetzt Fotos aus der Sammlung von Hauke zu sehen, denen vergnügliche Einzelheiten vom spektakulären Zirkus-Krone-Gig im Juni 1966 zu entnehmen sind. So musste der Veranstalter damals 20 Prozent Vergnügungsteuer an die Stadt München abführen, was etwa 23.000 DM ausmachte. Eine Farbaufnahme von der Beatles-Pressekonferenz zeigt, wie verschämt John Lennon ein Buch bewirbt. Besonders mutige Fans hatten sich sogar aufs Dach vom Hotel Bayerischer Hof gewagt, um dem Balkon, auf dem sich die Band kurz zeigte, so nahe wie möglich zu sein.
Ein Fotograf der Abendzeitung hatte sich irgendwie ins Schwimmbad des Hotels gemogelt und Paul McCartney beim morgendlichen Planschen abgelichtet – allerdings so unscharf, dass das Boulevardblatt seine Leser mit einem dicken Pfeil auf die Szene hinweisen musste.
Anzüge statt Lederjacken
Das Beatles-„Musical“, das jetzt ein paar Tage auf dem Spielplan des Deutschen Theaters steht, ist leider keines, sondern eher eine Live-Doku zum Mitklatschen, wobei angesichts des älteren Publikums ZDF-Fernsehgarten-Stimmung aufkommt: Mäßig ausgelassen und diszipliniert.
Brav werden die biografischen Stationen der Band abgeschritten, vom Star-Club in Hamburg-St. Pauli bis zur Nummer eins in den USA und dem finalen Auftritt auf dem Dach ihres „Hauptquartiers“ in London-Mayfair am 30. Januar 1969.
Verblüffend allerdings: Die Coverband singt nahezu lippensynchron zu den eingespielten Original-Filmaufnahmen der Beatles. Wer schon immer mal wissen wollte, was der deutsche Erfolgskomponist und Bandleader Bert Kaempfert mit den Beatles zu tun hatte und warum sie plötzlich statt schwarzer Lederjacken und Jeans („Nietenhosen“) Schlips und Anzüge trugen, der wird hier über gut zwei Stunden aufgeklärt.
„Das hatte für uns seinen Reiz“
„Wir haben plötzlich wieder an eine Zukunft geglaubt“, so Hauke zur Begeisterung seiner „beschädigten“ Nachkriegsgeneration für die Beatles: „In uns hat es gebrodelt.“ Ordnung und Ruhe seien der Gesellschaft damals wichtig gewesen, viele junge Leute hätten sich wie „unter einem Deckel“ gefühlt.
Mit den Beatles sei eine popkulturelle Wende eingetreten: „Sie hatten bei all ihrem Können das Glück, dass sie genau in die richtige Zeit reinkamen. Ich glaube nicht, dass sie heute noch mal funktionieren würden oder dass sie zu einer anderen Zeit funktioniert hätten.“
Ihr Erfolg habe mit den „Aufbrüchen“ der sechziger Jahre zu tun gehabt: „Sie haben unsere Themen bespielt. Es ging um unsere pubertären Probleme und um Freiheit, das war auch ein Stück England und ein Stück Internationalität. Das hatte für uns alles seinen Reiz.“
„All You Need Is Love“, bis zum 19. Juli im Deutschen Theater München

