1990 hatte ein Kaplan aus Paderborn einen 16-Jährigen in einem Zeltlager sexuell missbraucht. Zwei Jahre später gestand er seine Tat. Von den Vorwürfen erfuhr das Bistum Paderborn aber schon zeitnah nach der Tat. Im Frühsommer 1992 wurde der Kaplan dann in das Recollectio-Haus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach im Landkreis Kitzingen geschickt.
Das Recollectio-Haus war und ist für Pfarrer eine Anlaufstelle bei diversen persönlichen Problemen, um eine spirituelle und geistliche Auszeit zu nehmen. Geistlicher Leiter damals wie heute: Pater Anselm Grün. Der Benediktinermönch ist als Autor zahlreicher Bücher bekannt.
Anselm Grün nannte die Vorwürfe 1992 „erfundene Gerüchte“
Im Juni 1992, also als der Kaplan im Recollectio-Haus war, bekam Anselm Grün einen Anruf von einem Journalisten aus Paderborn. Der hatte durch anonyme Hinweise von dem Missbrauchsvorwurf gegen den Kaplan erfahren und dazu Anselm Grün befragt.
Der Artikel, der im Juni 1992 in der „Neuen Westfälischen“ erschien, liegt dem Bayerischen Rundfunk vor. Anselm Grün wird darin mit den Worten zitiert, die Vorwürfe gegen den Kaplan seien „erfundene Gerüchte“ und dieser habe sich „nichts zuschulden“ kommen lassen. Die Abtei Münsterschwarzach hat dem BR gegenüber aktuell Stellung bezogen und gibt an, dass Grüns Aussage auf Basis des damaligen Wissensstands getroffen worden sei.
Was wurde über die berufliche Zukunft des Beschuldigten besprochen?
BR-Recherchen ergaben außerdem, dass Ende Juni 1992 ein Gespräch zwischen dem beschuldigten Kaplan, einem Mitarbeiter des Bistums Paderborn und Anselm Grün stattgefunden hat. Thema dieses Gespräches waren die in der Presse veröffentlichten Missbrauchsvorwürfe und die weitere berufliche Perspektive für den Kaplan.
Der Kaplan hatte überlegt, ins Kloster Münsterschwarzach einzutreten. Da ein solcher Eintritt nicht kurzfristig möglich war, schlug der Paderborner Mitarbeiter eine Zwischenlösung für den Kaplan als Seelsorger vor und hatte die Idee, diese im Bistum Würzburg zu finden. Dafür zeigte sich laut der Abtei Münsterschwarzach auch Anselm Grün offen.
Grün gab Einschätzung, hatte aber keine Entscheidungskompetenz
Die Entscheidung über den Einsatz des Kaplans lag ausschließlich bei den Bistümern, nicht bei Grün. Im Paderborner Missbrauchsgutachten aus dem Frühjahr 2026 heißt es, dass vor allem „die persönliche Verbindung zwischen dem Bischof des Aufnahmebistums und dem Paderborner Personaldezernenten ausschlaggebend für den schließlich durchgeführten Wechsel“ gewesen ist. Jedoch hat das Bistum Paderborn dem BR gegenüber in einer aktuellen Stellungnahme erklärt, dass „das mit P. Anselm Grün geführte Gespräch und die positive Prognose aus dem Recollectio-Haus die Entscheidung der Personalverantwortlichen im Erzbistum Paderborn gestützt“ habe.
Grün selbst hat sich dem BR gegenüber nicht geäußert, aber ein Sprecher des Recollectio-Hauses: Er verweist darauf, dass der Betroffene zum Zeitpunkt des Gesprächs laut ihren Unterlagen „nachdrücklich“ dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs widersprochen habe.
Das wusste das Bistum Würzburg
Die Diözese Würzburg bestätigte dem BR, dass die Vorwürfe seit Juli 1992 auch dem Bistum Würzburg bekannt waren. Zu dieser Zeit war dort Paul-Werner Scheele Bischof. Er arbeitete zuvor im Bistum Paderborn. Im September trat der beschuldigte Kaplan in der Diözese Würzburg seinen Dienst an.
Im selben Monat gab es im Zusammenhang mit der Tat einen Strafbefehl wegen Verstoßes gegen § 175 StGB („Homosexuellenparagraph“) gegen den Kaplan. In dem Zusammenhang legte dieser ein Geständnis ab. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt. Diese Informationen wurden nach Angaben des Bistums Paderborn an das Bistum Würzburg weitergeleitet. Das Recollectio-Haus betont gegenüber dem BR, dass es zu diesem Zeitpunkt keinerlei Kontakt mehr zu dem Kaplan gegeben habe.
Pfarrer war 17 Jahre lang in der Diözese Würzburg tätig
Insgesamt arbeitete der Pfarrer 17 Jahre lang als Seelsorger im Bistum Würzburg an verschiedenen Standorten. Ins Kloster Münsterschwarzach trat er nie ein. Das Bistum Würzburg nannte dem BR gegenüber nun „die Entscheidung falsch, den Geistlichen aus dem Erzbistum Paderborn vor Abschluss des Verfahrens wegen sexualisierter Gewalt und ohne weitere Maßnahmen in den Dienst im Bistum Würzburg zu übernehmen“.
Dem BR liegen keine Hinweise auf einen erneuten sexuellen Missbrauch in der Zeit in Würzburg vor. 2009 wechselte der Pfarrer in eine andere Diözese und befindet sich mittlerweile im einstweiligen Ruhestand.

