Wie groß der Unterschied zwischen einem alten Röhrenfernseher und einem modernen HD-TV-Gerät ist, kann man sich bildlich vorstellen. Der Erlanger Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers bemüht den Vergleich, um für seine neueste Generation von Röntgengeräten zu werben. Der Fachbegriff „Photon-counting“ lässt bereits erahnen, dass die Technologie mit photonen-zählenden CT-Detektoren im Inneren der Diagnosegeräte eine grundlegend andere ist.
Ein Kernbauteil der modernen Computertomographen sind Halbleiter-Wafer. Diese hauchdünnen Scheiben aus Halbleitermaterial stellt Siemens Healthineers nun in einem neuen Werk in Forchheim her. 100 Millionen Euro hat der Konzern dafür investiert. Darunter auch einen nach eigenen Angaben einstelligen Millionenbetrag in die Abluft- sowie Abwasserreinigungsanlage zur umweltverträglichen Handhabung von Gefahrenstoffen. Mit dem Werk entstehen 100 neue Jobs.
Neue Technologie ein großer Durchbruch für die Medizin?
Ob bei Schlaganfällen, der Erkennung von Tumoren oder der Feststellung von Knochenbrüchen: In vielen Fällen sind Ärztinnen und Ärzte auf einen Blick ins Körperinnere angewiesen. Laut Siemens Healthineers kommen Computertomographen gar bei der Behandlung von neun der zehn bedrohlichsten Erkrankungen der Welt zum Einsatz. Dabei gilt: Je detaillierter dieser Blick ist, desto genauer sind die Diagnosen.
Detailliertere Aufnahmen aus dem Körperinneren
Den Unterschied zwischen einem klassischen Röntgengerät und einem Photon-counting CT, also einem photonen-zählenden Computertomographen, beschreibt Siemens Healthineers als immens. Die Röntgenstrahlen treffen nicht wie bislang auf eine Foto-Diode, sondern auf einen Halbleiter. Die Aufnahmen, die durch diese andere Technologie möglich sind, seien deutlich detaillierter, so der Erlanger Konzern. Auf den Bildern der Geräte seien Strukturen sichtbar, die auf konventionellen Röntgenfotos nicht zu erkennen sind, heißt es von Siemens Healthineers. Und so soll es bei dieser Technik – und das ist für die Patienten ebenfalls von Bedeutung – schärfere Aufnahmen bei weniger Röntgenbestrahlung geben.
Forchheimer Werk züchtet Kristalle für Halbleiter
Im neuen Forchheimer Werk werden künftig Kernbauteile für diese neuartigen Computertomographen gefertigt: Halbleiter-Wafer. Deren Herstellung ist komplex. Im „Photo-Counting Sensor Fab“, wie das Werk genannt wird, läuft der gesamte Prozess ab: von der Graphitbeschichtung der Quarzteile, der Bildung von Keim- und Polyzellen über das kontrollierte Kristallwachstum. Dazu werden auf 9.500 Quadratmetern tonnenweise Cadmium und Tellur in höchster Reinheit verarbeitet.
Die beiden Metalle werden unter hohem Druck und hohen Temperaturen von rund 1.100 Grad Celsius dauerhaft miteinander verbunden. In zehn Wochen wächst dann dieses „Einkristall“ heran. Die gezüchteten Kristalle werden dann „submillimetergenau“ – also winzigst – in dünne Scheiben geschnitten und poliert: die sogenannten Halbleiter-Wafer, die in einem Reinraum aufgebracht werden.
Die fertigen Sensoren werden in der CT-Fertigung in die phonton-zählenden CTs eingebaut. Bislang hat der Konzern diese wichtigen Bauteile aus einem Werk in Japan bezogen. Die Forchheimer Fabrik soll deren Produktion nun sogar übertreffen. Die Marschroute ist klar: Siemens Healthineers will mehr Photon-counting CTs verkaufen.
Geht die Rechnung auf?
Im Geschäft mit den neuartigen Computertomographen ist Siemens Healthineers nach eigenen Angaben weltweit führend. Einen nennenswerten Konkurrenten gebe es derzeit nicht. Auch deshalb dürften die Preise, die der Medizintechnikkonzern für die CTs aufruft, deutlich höher sein. Ein Photon-counting CT kostet Kliniken beziehungsweise Krankenhäuser rund ein Drittel mehr als ein klassisches Röntgengerät. Und das in Zeiten, in denen der Gesundheitssektor ohnehin stark finanziell unter Druck steht.
Siemens Healthineers geht davon aus, dass die Vorteile aus Sicht der Kunden dennoch überwiegen. Weil sich etwa Klinikaufenthalte für Patientinnen und Patienten durch die genaueren Diagnosen verkürzen, könnten Krankenhäuser durch den Einsatz der neuen CT-Geräte längerfristig sogar Kosten sparen.

