Es gab schon mal deutlich mehr Optimismus zu Beginn einer neuen Theatersaison in Deutschland. Auch dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda, macht das jüngste Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt zu schaffen, wo die AfD fast 44 Prozent erreichte. Mit bitterer Ironie zitiert er Kurt Tucholsky, der im Mai 1931, also knapp zwei Jahre vor Hitlers Machtergreifung, geradezu prophetisch gewarnt hatte: „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.“
„Konfliktbeladene und stressige Gegenwart“
Könnte sich diese beklemmende Geschichte wiederholen? Der gebürtige Gelsenkirchener Brosda: „Alle sind irgendwie gefangen in dieser Gegenwart, die so konfliktbeladen, so dauerhaft stressig und auch belastet von der Idee ist, wonach keiner weiß, wie es besser werden kann. Die Frage ist nur noch, wie langsam oder wie schnell es schlechter wird.“
In so einer Situation wirkten dann natürlich „Angebote verlockend, die vollständig destruktiv einfach nur behaupten, wir zeigen euch, dass wir wirksam sind, auch im Zerstörerischen“: „Die Aufgabe, die wir Demokratinnen und Demokraten alle vor uns haben, ist, zu zeigen, dass wir wirksam sein können mit guten, mit freundlichen, mit friedlichen, mit vielfältigen Geschichten und auch einer Politik und einer Vorstellung von Gesellschaft, die sich daraus ergibt.“
Gegen eine gesellschaftliche und kulturelle Mehrheit lässt sich die Demokratie auf Dauer nicht retten, warnt Carsten Brosda im Gespräch mit dem BR. Er verweist dabei auf die Philosophin Hannah Arendt, die den berühmt gewordenen Satz prägte: „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handle es sich um bloße Meinungen.“
„Wir alle stehen auf dem Platz“
Fakten werden bei Extremisten demnach zu beliebig auslegbaren Ansichten. „Ich glaube nicht, dass irgendwas verloren ist, aber wir müssen uns anstrengen“, so Brosda: „Die Demokratie ist noch nie einfach nur deswegen dagewesen, weil andere sich gekümmert haben, sondern wir alle stehen auf dem Platz.“
Der Druck auf die Theater wächst, vor allem von rechts. Mal regen sich Extremisten über Werbeplakate mit nackten Darstellern auf, mal hinterfragen sie Spielpläne, auf denen angeblich zu wenig deutsche Klassiker wie Goethes „Faust“ vorkommen.
Das „Deutsche“ solle etwas vermeintlich Anderem entgegengesetzt werden, so der Präsident des Bühnenvereins: „Dem muss man widersprechen, weil in der Tat die Ästhetik, nach der wir heute streben müssen, keine ist, die was mit Einheitlichkeit und Eindeutigkeit zu tun hat. Wir brauchen eine Ästhetik, die der Vielfalt unserer Gesellschaft Ausdruck verleiht. Das ist eine Ästhetik der Unterschiedlichkeit, aber der Schönheit der Unterschiedlichkeit und nicht des Dissenses, den man ihr meint unterschieben zu müssen.“
„Noch leben wir in einer Demokratie“
Carsten Brosda, im Hauptberuf Hamburger Kultursenator, rät den Theaterintendanten, in Konfliktfällen auch bei Gerichten vorstellig zu werden, um die Meinungs- und Kunstfreiheit energisch zu verteidigen.
„Ihr seid doch staatlich finanziert und weil ihr staatlich finanziert seid, müsst ihr neutral sein. Wenn ihr neutral seid, müsst ihr repräsentieren, was die Bevölkerung will: Wer so argumentiert, hat nicht verstanden, was Kunstfreiheit bedeutet“, so Brosda: „Ja, diese Momente sind da, aber von denen darf man sich nicht einschüchtern lassen. Noch leben wir in einer Demokratie, in der man einfach laut ‚Nein‘ sagen kann und das auch einfach zurückweisen kann.“
„Schneeball zertreten“
Es komme jetzt darauf an, den „Schneeball zu zertreten“, bevor aus ihm eine Lawine werde, so der Präsident des Deutschen Bühnenvereins zum Aufstieg extremistischer Kräfte. Sein Appell: „Wir müssen lauter werden und wir müssen deutlicher klarmachen, was die alternativen Ideen und Konzepte einer Gesellschaft sind. Wir als gesamte deutsche Theaterlandschaft stehen jetzt auch vor der Aufgabe, wie in allen Kulturzweigen, uns darum zu kümmern, dass wir diejenigen nicht alleine lassen, die unter Umständen jetzt in politischen Situationen stecken, in denen sie auch die Hilfe von außen brauchen.“

