„Ach, furchtbar. Das wollte ich gar nicht zeigen“, sagt Josef Hury, während er durch ein dickes Fotoalbum blättert. Auf den ersten Fotos ziehen Menschen mit Fahnen und Transparenten durch die Straßen Budapests. Die Stimmung wirkt friedlich. Doch mit jeder Seite werden die Bilder düsterer: eine umgestürzte Stalin-Statue, bewaffnete Soldaten, ausgebrannte Panzer, zerstörte Gebäude, Leichen.
Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen hat Josef Hury selbst gemacht. Damals, im Herbst 1956, war er 20 Jahre alt und Sportstudent. Er fotografierte heimlich, das Kameraobjektiv unter seinem Mantel vor den Blicken der Sicherheitskräfte und Soldaten versteckt.
Der Wunsch nach Freiheit
Ungarn ist 1956 ein Satellitenstaat der Sowjetunion. Nach dem Tod Stalins 1953 wächst die Hoffnung auf politische Reformen. Am 23. Oktober gehen gegen 200.000 Menschen auf die Straße. Sie fordern freie Wahlen, Meinungs- und Pressefreiheit, ein Ende der Repressionen und den Abzug der sowjetischen Truppen.
Auch Hury demonstriert. Sein Antrieb ist klar: Er habe sich für die Freiheit und Unabhängigkeit Ungarns eingesetzt.
Zunächst schien der Aufstand Erfolg zu haben
Zunächst scheint der Aufstand Erfolg zu haben. Selbst Einheiten der sowjetischen Armee solidarisieren sich mit den Protestierenden und schließen sich dem Aufstand an. Und auch politisch kommt Bewegung in die Sache: Imre Nagy wird Ministerpräsident. Nagy ist zwar auch Kommunist – er setzt sich jedoch für liberale Reformen ein. Das macht ihn beliebt bei der ungarischen Bevölkerung – jedoch umso unbeliebter in Moskau.
In einer Radio-Ansprache richtet Nagy sich am dreißigsten Oktober an die ungarische Bevölkerung. Er verkündet das Ende des Einparteiensystems und fordert, dass die sowjetischen Truppen das Land unverzüglich verlassen. Kurz darauf proklamiert er sogar die Neutralität Ungarns und den Austritt aus dem Warschauer Vertrag.
Für die Aufständischen sieht es deshalb zunächst nach einem Sieg aus. Auch Hury erinnert sich: „Die erste Phase sah so aus, dass die Aufständischen, also die Ungarn, die Studenten, Arbeiter, die Büroangestellten, alle, diese Revolution gewonnen haben. Aber das Blatt hat sich dann gewendet – leider.“
Sowjetische Panzer schlagen den Aufstand nieder
Am 4. November 1956 rollen sowjetische Panzer in Budapest ein. Mit massiver militärischer Gewalt schlagen sie den Aufstand nieder. Hury erinnert sich an wahllose Schüsse und schwere Zerstörungen. Die Ringstraße in Budapest habe schlimmer ausgesehen als nach dem Zweiten Weltkrieg.
Offiziellen Schätzungen zufolge kommen rund 2.700 Menschen bei den Kämpfen ums Leben. Hunderttausende fliehen aus Ungarn. Auch Josef Hury muss seine Heimat verlassen.
Seine Flucht führt ihn zunächst in die Schweiz. Dort lebt er mehrere Jahre und unterrichtet Sport an einem Gymnasium. Später zieht er nach München. Ungarn vermisse er bis heute. Doch auch in Bayern fühlt er sich wohl. Besonders die bayerische Gemütlichkeit gefalle ihm gut.
Ein Wendepunkt der ungarischen Geschichte
Seine Entscheidung, 1956 auf die Straße zu gehen, bereut Hury nicht. Dies, obwohl der Aufstand zunächst nicht die erhoffte Freiheit brachte. Imre Nagy wird nach dem Aufstand verhaftet und 1958 hingerichtet. Dennoch wird der Volksaufstand später zum Symbol des ungarischen Freiheitskampfes.
In München hat der ungarische Generalkonsul Gabor Tordai-Lejko anlässlich des 70-jährigen Jubiläums zu einem Festakt geladen. Für den Generalkonsul ist es gerade in der heutigen politischen Lage wichtig, dem ungarischen Aufstand zu gedenken, denn Geschichte wiederhole sich: „Deswegen sind unsere Demokratien so wahnsinnig wichtig.“ Ein gemeinsames Europa, das zusammenhält, sei deshalb zentral.

