„Ich weiß nicht, was ich mache“ sagte Joachim Lottmann vor Jahren in einem Interview mit dem BR. „Ich schreibe halt seit meinem fünften Lebensjahr jeden Tag ein paar Stunden. Ich mache das so, wie andere Leute Lieder singen beim Zähneputzen.“
Ein lieber Mensch, ein bissiger Beobachter
Joachim Lottmann war ein Schriftsteller, der sich selbst gern auftreten ließ in seinen Romanen, in Gestalt seines literarischen Alter Egos Johannes Lohmer. Und dem attestierte er selbst einmal in seinem Roman „Alles Lüge“, er sei ein „krankhafter Verräter guter Freunde“, er „verleumde“ sie regelmäßig und rezensiere seine Romane lieber selbst, da man „die Beurteilung der eigenen Bücher nicht Fremden überlassen dürfe“. Kurz: Er sei „zutiefst böse“ und ein Ausbund an „Niedertracht“.
Wenn man ihn dann fragte, warum Schreiben bei ihm Verletzen heiße, antwortete er, dass man im „echten Leben“ schließlich nicht so böse sein dürfe, zumindest nicht, wenn man so feige sei wie er, Lottmann, selbst. „Und die einzige Möglichkeit, das alles ins Gleichgewicht zu bringen, besteht dann natürlich darin, das alles aufzuschreiben.“
Aufgewachsen im niederbayerischen „Urwald“
Von Geburt aus Hanseat hatte es diesen höchst ironischen Erzähler als Kind mit der Familie nach Straubing verschlagen, von ihm „Bayerisch-Kongo“ genannt. Grund war die Parteikarriere des Vaters, der dort für die FDP einen Wahlkreis übernahm.
Von dieser Kindheit im nordostniederbayerischen „Urwald“ berichtete Lottmann unter anderem in seiner heiteren Feriennovelle „Hotel Sylvia“. Mit Jean Pauls Worten gesagt, einmal mehr eine Reise ins „wahre innere Afrika“ dieses Autors, wobei man bei Lottmann nie sicher sein konnte, was wahr und was erfunden war.
Als der Verfasser dieser Zeilen den Autor dazu vor zehn Jahren in München interviewte, wurde er dort spontan auf einem Balkon in Schwabing rekrutiert – für die Urlesung aus dem neuen Buch via YouTube. So war er eben, dieser Joachim Lottmann: immer dafür gut, andere zu foppen. Der Literaturbetrieb, den er in seinem Werk regelmäßig durch den Kakao zog, misstraute einem wie ihm. Und bedachte ihn nur einmal mit einer Auszeichnung: dem Wolfgang-Koeppen-Preis.
Immer interessiert an der Gegenwart
„Romane sind wertvolle Lebenserfahrungen in erzählter Form“, steht in „Happy End“, einem seiner zutiefst unterhaltenden Romane. Darin findet sich auch Lottmanns schriftstellerisches Credo: „Das Erkennen, Beschreiben und Einordnen der neuesten Veränderungen war und wird immer der Hauptspaß im Leben sein“. Und nebenbei, so Lottmann weiter, werde „man dadurch auch klüger, ruhiger und am Ende glücklich, weil weise.“
Tatsächlich hat uns seine Beschäftigung mit der Gegenwart ein wenig weiser werden lassen. „Sterben war gestern“ hieß einer seiner späten Romane. Untertitel „Aus dem Leben eines Jugendforschers“. Gestern nun ist der große Autor des Romans „Die Jugend von heute“ in Wien gestorben.

