Erst kribbelt es, dann bilden sich Bläschen an der Lippe. Meist verschwinden diese nach wenigen Tagen. Das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) bleibt jedoch lebenslang im Körper und kann über Nervenbahnen auch das Gehirn erreichen. Forschende vermuten schon länger, dass zwischen Herpesinfektionen und Demenz ein Zusammenhang bestehen könnte. Eine neue Studie aus den USA [externer Link] liefert nun Hinweise auf einen möglichen Mechanismus.
Was Herpes mit den Immunzellen im Gehirn macht
Forschende der University of Colorado Anschutz infizierten Mäuse mit HSV-1 und untersuchten sechs Tage später ihre Gehirne, insbesondere spezielle Immunzellen, die sogenannten Mikroglia. „Diese Zellen sind so etwas wie die Recyclingstation des Gehirns“, erklärt Studienautorin Kimberley Bruce: Sie beseitigen Zellabfälle und nehmen schädliche Eiweißablagerungen wie Amyloid auf, das sich auch bei Alzheimer im Gehirn ablagert. „Aber sie sind auch die Rettungssanitäter des Gehirns. Bei einem Notfall, etwa einer Infektion, sind sie als Erste zur Stelle.“ Diese Doppelfunktion könnte allerdings zum Problem werden, denn bei einer HSV-1-Infektion könnten die Mikroglia ihre eigentliche Aufgabe als „Müllabfuhr“ vernachlässigen. Dann könnten sich möglicherweise die schädlichen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn verstärken.
Die Forscherinnen und Forscher entdeckten außerdem Hinweise darauf, dass die Immunzellen möglicherweise längerfristig auf Virusabwehr eingestellt bleiben. Sogar, wenn die akute Infektion längst vorbei ist: „Das Virus programmiert diese Immunzellen regelrecht um“, erklärt Studienautorin Christy Niemeyer. „Aus evolutionärer Sicht ist es von Vorteil, das Programm dieser Immunzellen so zu verändern, dass sie vorbereitet sind. Denn sie werden dem Virus wahrscheinlich wieder begegnen.“
Ob diese Veränderungen aber tatsächlich dauerhaft sind, hat die Studie nicht gezeigt. Untersucht wurde die frühe Reaktion nach einer Infektion – und das bei Mäusen, nicht bei Menschen. Nachgewiesen wurde weder eine gestörte Amyloid-Beseitigung im Gehirn noch eine spätere Alzheimer-Erkrankung.
Kann Lippenherpes Alzheimer verursachen?
Der mögliche Zusammenhang zwischen einer Herpes-Infektion und Demenz beschäftigt die Wissenschaft schon seit längerem. Einige Beobachtungsstudien [externer Link] haben bei HSV-Infizierten häufiger Alzheimer festgestellt. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 [externer Link] kam insgesamt jedoch zu dem Schluss, dass die Belege für einen Zusammenhang zwischen Herpesviren und Demenz begrenzt sind.
Alzheimer hat zudem nicht nur einen möglichen Auslöser. Alter und genetische Veranlagung sind relevant. Auch Gefäßerkrankungen, Stoffwechselstörungen und Entzündungsprozesse können eine Rolle spielen. Die aktuelle HSV-1-Studie beschreibt einen möglichen zusätzlichen Mechanismus. Sie liefert aber keinen Beweis dafür, dass gewöhnlicher Lippenherpes Alzheimer verursacht.
Können Herpesmedikamente das Demenzrisiko senken?
„Die meisten Menschen halten Lippenherpes für ziemlich harmlos. Man bekommt ein Herpesbläschen, wartet eine Woche, und dann ist die Sache erledigt. Deshalb lassen sich die meisten Menschen auch gar nicht behandeln, es sei denn, der Herpesausbruch ist besonders schlimm“, sagt Niemeyer. Sie weist aber darauf hin, dass Beobachtungsstudien [externer Link] zufolge antivirale Behandlungen das Demenzrisiko senken könnten.
Tatsächlich gibt es Hinweise auf eine mögliche Schutzwirkung: Eine aktuelle Metaanalyse [externer Link] mit mehr als zehn Millionen Menschen fand bei Personen, die antivirale Medikamente gegen Herpesviren erhalten hatten, ein geringeres Demenzrisiko. Die in diesen Studien beschriebenen Zusammenhänge beweisen aber nicht, dass die Ursache dafür mit Sicherheit die Medikamente waren.
Umgekehrt lässt sich aus den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht schließen, dass bei denen, die oft Herpesbläschen haben, auch das Gehirn betroffen ist. Sichtbare Lippenherpes-Symptome und mögliche Virusaktivität im Gehirn sind nicht gleichzusetzen. Die neue Studie macht einen biologischen Zusammenhang plausibler. Wie bedeutsam er für Menschen tatsächlich ist, bleibt offen.
Es scheint aber so zu sein, dass Cremes mit dem Wirkstoff Aciclovir oder antivirale Tabletten nicht nur die akuten Beschwerden bei Herpes lindern und den Ausbruch verkürzen können, besonders, wenn die Behandlung früh beginnt. Möglicherweise wirken sie auch vorbeugend gegen Alzheimer-Demenz.

