Nach den Abnehmspritzen Wegovy, Ozempic und Mounjaro und der Zulassung der Wegovy-Pille steht das nächste Abnehm-Medikament in Europa vor der Markteinführung: Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat für den Wirkstoff Orforglipron die Zulassung empfohlen [externer Link]. Anders als die Wegovy-Pille kann Orforglipron unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Parallel entwickelt der Pharmakonzern AstraZeneca mit Elecoglipron [externer Link] eine weitere GLP-1-Tablette.
Laut Verband Forschender Arzneimittelhersteller [externer Link] werden rund 70 weitere Adipositaswirkstoffe in Phase II-Studien an Patientinnen und Patienten untersucht. Die neuen Medikamente sollen stärker wirken, besser verträglich sein oder gezielter einsetzbar sein. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen.
Retatrutid: Abnehmen wie nach einer Operation?
Deutlich stärkere Gewichtsverluste als die bisherigen Medikamente verspricht der Wirkstoff Retatrutid. Während Semaglutid einen Hormonrezeptor aktiviert und Tirzepatid bereits zwei, wirkt Retatrutid gleich auf drei: GLP-1, GIP und Glukagon. Während Patienten mit Wegovy [externer Link] nach 68 Wochen durchschnittlich rund 15 Prozent ihres Körpergewichts verloren, waren es mit Tirzepatid [externer Link] nach 72 Wochen etwa 21 Prozent. Retatrutid [externer Link] erreichte nach 80 Wochen sogar bis zu 28,3 Prozent.
Der Adipositasforscher Carel le Roux, Professor am University College Dublin, der selbst an klinischen Studien zu Retatrutid beteiligt war, meint: „Die Ergebnisse haben meine kühnsten Träume übertroffen!“ Laut Jens Aberle, Professor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, „kommt man da schon in einen Bereich, den man bis jetzt nur durch chirurgische Maßnahmen erreicht hat.“ Mit einer Zulassung von Retatrutid in den USA wird frühestens Ende 2027 gerechnet.
Amylin: Neue Wege gegen den ständigen Hunger
Einen anderen Ansatz verfolgen Medikamente, die zusätzlich wie das Hormon Amylin wirken. Sie beeinflussen im Gehirn unter anderem Sättigung und das ständige Denken an Essen, das sogenannte „Food Noise“, so Aberle.
Dazu gehört CagriSema, eine Kombination aus Semaglutid und dem Amylin-Wirkstoff Cagrilintid. In einer Studie [externer Link] erreichte die Kombination nach 68 Wochen durchschnittlich 20,4 Prozent Gewichtsverlust. Auch der Amylin-Wirkstoff Eloralintid wird untersucht, sowohl allein als auch zusammen mit Tirzepatid. Diese Kombination trägt den Entwicklungsnamen EloraTZP und erreichte in einer Studie [externer Link] nach 48 Wochen bis zu 23,3 Prozent Gewichtsverlust.
Für CagriSema wird noch 2026 eine Zulassungsentscheidung in den USA erwartet. Eloralintid und EloraTZP dürften frühestens 2029 auf den Markt kommen.
Weniger Fett, mehr Muskeln: Was die Zukunft noch bringen könnte
Die Forschung verfolgt inzwischen auch Ansätze, die Gewichtsverlust mit weiteren Vorteilen kombinieren sollen. So soll der Wirkstoff Survodutid [externer Link] zusätzlich die Lebergesundheit verbessern. Bimagrumab [externer Link] und Apitegromab [externer Link] sollen verhindern, dass beim Abnehmen zu viel Muskelmasse verloren geht.
Besonders spannend findet Aberle den Wirkstoff CBL-514 [externer Link]. Er soll gezielt Fettzellen im Bauchbereich absterben lassen: „Eine Gewichtsreduktion führt immer dazu, dass Fettzellen im Volumen geringer werden, aber ihre Anzahl nimmt nicht ab“, erklärt Aberle. Könnte man auch ihre Anzahl reduzieren, wäre das „wirklich ein innovativer Ansatz.“
Die Zukunft: Das richtige Medikament für jeden Patienten
Adipositasforscher le Roux hält eine breitere Medikamentenauswahl für die Behandlung von Betroffenen für absolut notwendig. Denn selbst über das stark wirkende Retatrutid sagt er: „Ich habe Zehntausende Patienten behandelt und kann überhaupt nicht vorhersagen, wer wie viel Prozent seines Körpergewichts verlieren wird und wer sogar zunimmt.“ Ebenso wenig könne er vor Behandlungsbeginn sicher einschätzen, wer schwere Nebenwirkungen entwickelt. Auch Aberle sieht die Zukunft in individueller Behandlung. Je nach Begleiterkrankungen könnten unterschiedliche Wirkstoffe sinnvoll sein.
Wer kann sich die neue Medizin leisten?
Doch wer die Medikamente bekommt, ist auch eine Kostenfrage. In Deutschland sind Medikamente zur Gewichtsregulierung grundsätzlich von der gesetzlichen Erstattung ausgeschlossen [externer Link]. Frankreich geht inzwischen einen anderen Weg: Dort übernehmen die Krankenkassen seit Juni 2026 die Kosten für bestimmte schwer betroffene Patienten [externer Link]. In Österreich wird über einen vergleichbaren Zugang diskutiert [externer Link].
Für le Roux erinnert die Entwicklung an die Einführung der Statine: Auch Cholesterinsenker waren zunächst teuer und wurden vor allem besonders gefährdeten Patienten verschrieben. Heute spielen sie eine wichtige Rolle in der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

