Fast 20 Jahre ist es her, da bekam Ulrike Ottinger in der Deutschen Kinemathek in Berlin eine große Retrospektive. Ausgestellt wurden dort auch nicht realisierte Drehbücher, darunter eines mit dem Titel „Die Blutgräfin“. Nun, zwei Jahrzehnte später, kommt diese „Blutgräfin“ doch noch ins Kino. In gewisser Weise ist der Film also so untot wie seine Protagonistin. Er ist seine verfrühten Musealisierung entkommen, sie dem Sarg. Eine schöne Pointe.
Jeder Name ein Kalauer
Und nur die erste von vielen in dem Panoptikum der Albernheiten, das dieser Film ist. Schon die Figurennamen kalauern, dass es kracht. Neben der titelgebenden Blutgräfin (Isabelle Huppert) hätten wir da zum Beispiel die Vampirologen Theobastus Bombastus (André Jung) und Nepomuk Nachbiss (Marco Lorenzini), einen Inspektor Unglaube (Karl Markovics), einen Geheimrat Leichenbitter (Johannes Silberschneider) sowie den vegetarischen Vampir Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert), der seinem Namen durch den rauen Konsum von Mehlspeisen alle Ehre macht.
Begleitet wird er dabei stets durch seinen – Achtung, nächster Gag – Therapeuten Theobald Tandem (Lars Eidinger), der die vampirische Natur seines Patienten beflissen ignoriert und Baron Bubi gutgelaunt zum Fleischessen triezt.
Ein Film wie ein Kirmes-Besuch
Wer jetzt allerdings auf die Idee kommt, hier einen irgendwie tragenden Konflikt dieses Films zu wittern – Irrtum. Mit dieser Komödie ist es wie bei einem Besuch auf der Kirmes. Da reiht sich eine Attraktion an die nächste, ohne dass klar würde, wohin das alles führt.
Die Handlung ist im Großen und Ganzen eine Schnitzeljagd durch Wien. Die Gräfin sucht nämlich ein Buch, das die Macht hat, Vampire wieder in Menschen zu verwandeln, respektive zu vernichten. Dass sie dabei immer wieder über eine Stadtführung stolpert, kommt nicht von ungefähr. Immerhin ist Ottingers Film eine entschlossene Aneinanderreihung von Postkartenmotiven.
Von der Strudelhofstiege zum Prater
Von der Strudelhofstiege über den Heldenberg bis hin zum Prater – als hätte das Tourismusbüro Regie geführt. Oben drauf gibt‘s dann noch ein bisserl Johann Strauss. Und eine Lichtstimmung, die dieses morbide Zuckerbäckerwien so wirken lässt, als wäre es die Kulisse eines frühen Farbfilms: trotz des Schreckens irgendwie heimelig.
Spannung kommt bei all dem nicht auf – gern hinschauen tut man trotzdem. Dafür sorgt allein schon das illustre Personal, das Ottinger für ihre Vampiriade gewonnen hat. Am berühmtesten natürlich Isabell Huppert als Blutgräfin. Hier ein kokettes, bluthungriges Dämchen im knallroten Kostüm, das darunter allerdings ein wenig blass bleibt. Das Chargen-hafte der Figur liegt Huppert offensichtlich nicht ganz so sehr. Dafür spielen die Theaterstars wunderbar auf.
Ein Schaulaufen von Theaterstars
Allen voran Birgit Minichmayer als auf Goth geschminkte Zofe Hermine, die der Gräfin die „Zahnderln“ desinfiziert, wann immer nötig. Oder André Jung, den man hinter seiner Zuckerwatte von einem Bart zwar kaum erkennt, dessen theatralisches Timbre dem vibrierenden Akademikerstolz des von ihm verkörperten Vampirologen aber ganz hervorragend Nachdruck verleiht. Immerhin ist dieser Mann für einen Kongress mit dem höchst gewichtigen Titel „Vampire und ihre Identität im Zeitalter ihrer virtuellen Reproduzierbarkeit unter besonderer Berücksichtigung ihrer Archäologie in Film und Fernsehen“ in der Stadt.
Womit wir wieder bei den Kalauern wären. Nach fast zwei Stunden stellt sich da am Ende doch eine spürbare Ermattung ein. Man muss sich diesen Film eigentlich wie einen Praterspaziergang vorstellen: Am Anfang gibt’s viel zu sehen, irgendwann kennt man sich nicht mehr aus und am Ende tun die Füße weh.

