Wenn Angelsachsen nostalgisch werden, haben sie dafür ein schön griffiges Sprachbild: „To take a trip down memory lane“. Die Straße der Erinnerung hinabfahren. Die persönliche „memory lane“ von Paul McCartney findet man tatsächlich auf Google Maps, es ist die Dungeon Lane im Süden von Liverpool.
Orte aus der Kindheit, die es nicht mehr gibt
McCartney hat seine früheste Kindheit im Arbeiterviertel Speke verbracht. Die Dungeon Lane führte von dieser rauen Gegend im Süden der Stadt hinaus ans Wasser, zum Fluss, der einen hinausbringen konnte ins Meer und in die große weite Welt.
Heute ist der direkte Weg über die Dungeon Lane zum Ufer des River Mersey nicht mehr frei. Der einstige Speke Airport, von dem in McCartneys Kindheitsjahren die Bomber der Royal Air Force in den Kampf gegen Nazideutschland starteten, heißt heute Liverpool John Lennon Airport, ist auf ein Vielfaches seiner alten Größe angewachsen und blockiert im Süden von Speke über die gesamte Breite des Viertels hinweg den direkten Weg zum Fluss. Wie McCartney, heute 83 Jahre alt, singt: Alles ändert sich.
Typisch McCartney: Abwechslungsreiches Album
Nichts bleibt wie es ist, auch McCartneys Stimme nicht. Sie klingt dünner und brüchiger als früher. Trotzdem ist „The Boys of Dungeon Lane“ kein pathetisches Abschiedsalbum geworden. Sondern, typisch McCartney: verspielt, abwechslungsreich, mit immer eher einem Schnörkel zu viel als zu wenig. Die Stücke sind im Kern alle in der Welt der klassischen Gitarrenband-Musik zuhause, aber McCartney komponiert sich noch einmal quer durch sämtliche Paradedisziplinen seines Songwritings.
Es gibt zackig-treibende Rocker, psychedelisch Verspultes, zart melancholische Folk-Balladen und ein paar von diesen altmodisch gestelzten Varieté-Stücken, die John Lennon immer „Pauls Oma-Musik“ genannt hat. Und Produzent Andrew Watt darf gefühlt jeden zweiten Soundeffekt, den man schon einmal auf einem Beatles-Album gehört hat, selbst ausprobieren.
Gastauftritt von Ringo Starr
Dazu singt McCartney von alten Liebschaften, flüchtigen Bekanntschaften, den Geräuschen seiner Kindheit, dem harten Leben seiner Eltern, und davon, wie er den 2001 verstorbenen George Harrison als Kind im Schulbus kennengelernt hat. Auf den Fahrten hat man sich über die großen Themen Rock’n’Roll und Gitarren ausgetauscht und sich so angefreundet: „It was a good way to get to know you“, heißt es im Refrain. Understatement, das feuchte Augen macht.
Ein anderer Beatle schaut in Persona vorbei: Ringo Starr. Die letzten zwei lebenden Beatles haben nochmal zusammen ein Lied gemacht, vielleicht ein allerletztes Mal – den Song „Home to us“.
Kein Meisterwerk und trotzdem schön
Das Stück ist wie das gesamte Album: Kein ganz großer Wurf, kein ehrfurchtgebietendes Alterswerk, aber sehr schön. Heiter, verspielt, dabei sanft melancholisch und eben: nostalgisch. Aber das war McCartney ja eigentlich immer schon, „Yesterday“ z.B. hat er mit Anfang 20 geschrieben. Manches ändert sich halt doch nicht.
Das neue Album „The Boys of Dungeon Lane“ erscheint am 29. Mai.

