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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Preis-Tsunami“? Wie Sprache unsere Sicht auf den Markt bestimmt
Kultur

„Preis-Tsunami“? Wie Sprache unsere Sicht auf den Markt bestimmt

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 1. Juni 2024 11:56
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Er ist ein empfindliches Wesen: „der Markt“. Ein Akteur mit eigenem Willen, eigenem Seelenleben sogar. Das jedenfalls legt der Wortgebrauch in Politik und Medien nahe. Der Markt „reagiere abwartend“, heißt es dann, er müsse „beruhigt“ werden oder sich „erholen“. Wer so redet, der verschleiert allerdings Entscheidendes, meint Simon Sahner. Nämlich: „dass der Markt letzten Endes wir sind.“ Wer in einem demokratischen Staat lebe, der habe auch Handlungsmacht, wenn es darum gehe, den Markt zu regulieren.

Inhaltsübersicht
Oft wird der Markt zum Naturphänomen stilisiertAutoren entlarven Narrative des KapitalismusPositive Gegenerzählungen fehlen

Oft wird der Markt zum Naturphänomen stilisiert

Sahner ist Literaturwissenschaftler. Zusammen mit dem Ökonomen Daniel Stähr hat er eine Sprachkritik zu suggestiven Begriffen und Redeweisen über unser Wirtschaftssystem vorgelegt. Die Grundannahme lautet: Die Sprache des Kapitalismus ist nicht neutral, sie bezeichnet nicht einfach, was ist, sondern beeinflusst unsere Wahrnehmung.

Das zeigen die beiden Autoren an zahlreichen Beispielen. Metaphern etwa, die ökonomische Zusammenhänge wie Naturphänomene behandeln. Da ist dann zum Beispiel von einem „Tsunami“ der Energiepreise die Rede. Die Finanzkrise 2008 nannte der damalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds einen „perfekten Sturm“.

Solche Beschreibungen machten aus dem Marktgeschehen eine Art natürliches Phänomen, das sich nicht verhindern lasse, meint Sahner. „Und weil es sich nicht verhindern lässt, ist unsere einzige Chance darauf noch zu reagieren, eben zum Beispiel mit einem ‚Rettungsschirm‘.“

Autoren entlarven Narrative des Kapitalismus

Mit Naturmetaphern lässt sich ausblenden, wer für etwas Verantwortung trägt – und wer profitiert, so die These der Autoren. Das ist überzeugend. Umgekehrt jedoch liefern sie selbst eine allzu personalisierte Deutung: Preise „steigen“ nicht wie eine Flut, sondern „werden erhöht“, halten sie fest, im Großen wie am Käsestand auf dem Wochenmarkt.

Die wirtschaftliche Realität aber ist hochkomplex. Aktion und Reaktion sehr vieler Beteiligter bedingen sich in einer eigenen Systemlogik gegenseitig. Man muss die Sache also systematisch und gerade nicht persönlich betrachten. Genau darauf weisen Sahner und Stähr an anderer Stelle auch ausdrücklich hin – dort, wo sie typische Erzählmuster des Kapitalismus unter die Lupe nehmen.

Das ebenso berühmte wie trügerische „vom Tellerwäscher zum Millionär“ ist ein solches Muster, Legenden von Unternehmergenies wie Steve Jobs sind ein anderes. Wenn man solche Geschichten erzählte, so Sahner, „dann vermittelt man damit: Jeder kann es im Kapitalismus schaffen, wenn er nur innovativ und geniehaft genug ist.“ Oder wenn er einfach keine Skrupel kennt.

Positive Gegenerzählungen fehlen

Man denke etwa an „The Wolf of Wall Street“ von Martin Scorsese aus dem Jahr 2013: ein Kino-Rausch um Geld, Drogen, Risikopapiere, Betrug und Party; und eine wahre Geschichte, die des Börsenmaklers Jordan Belfort, gespielt von Leonardo DiCaprio. Der Film gehört für Sahner und Stähr zu jenen Erzählungen des Kapitalismus, für die nicht leicht zu sagen ist, ob sie ihn kritisieren oder feiern, seine Exzesse offenlegen oder nicht doch ihren bösen Glamour genussvoll inszenieren. Was für die Autoren des Buches klar ist: Für eine Alternative zum Kapitalismus gibt es bisher keine starken Geschichten. Im Gegenteil: Die Alternativlosigkeit wird immer miterzählt.

Simon Sahner macht das am Beispiel der Rede vom „Wohlstandsverlust“ klar. Dabei bleibe notorisch unklar, was mit Wohlstand eigentlich gemeint sei. Außerdem werde verschleiert, dass mit den Wohlstandverlusten der einen auch Wohlstandsgewinne der anderen verbunden sein könnten. „Und von dem her brauchen wir politische Erzählungen, die vermitteln: Es wird nicht alles schlechter, wenn wir etwas verändern, sondern vieles wird unter Umständen für viele Menschen auch besser.“

Sahner und Stähr haben ein Buch geschrieben, das den Kapitalismus politisch betrachtet – und damit auch Machthierarchien offenlegt. Manchmal ist das schon mit simpler Wortwahl zu schaffen: Wer statt „superreich“ „überreich“ sagt, besteht darauf, dass ein bestimmtes Maß an Ungleichheit für eine Gesellschaft nicht gut ist. Natürlich wissen die Autoren und weiß man als Leser und Leserin: Sprachregeln zähmen den Kapitalismus nicht. Aber sie sensibilisieren dafür, dass nicht alles gut ist. Und vielleicht sogar ganz anders sein könnte.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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