Bei sommerlichen Gewittern beobachten Ärztinnen und Ärzte immer wieder mehr Atembeschwerden. Fachleute sprechen von Gewitter-Asthma: Asthma-Anfälle mit Husten, pfeifender Atmung und Luftnot, die auftreten, wenn hohe Gräserpollen-Konzentrationen und ein schweres Gewitter aufeinandertreffen. In Melbourne, Australien, kam es 2016 zum bislang größten bekannten Ereignis: Notrufzentralen und Kliniken waren überlastet, weil innerhalb von zwei Tagen mehr als 9.000 Menschen mit Asthma-Symptomen behandelt werden mussten, neun starben.
Gewitter-Asthma in Deutschland: kaum dokumentiert
Auch Großbritannien, Italien, der Iran und Kanada waren schon betroffen. Hierzulande gibt es bislang keine akute Gefahrenlage. Asthma-Anfälle, die sich eindeutig auf Gewitter zurückführen lassen, werden in Deutschland nicht systematisch erfasst.
Aus der Praxis berichtete Karl-Christian Bergmann, Allergologe und Lungenarzt am Institut für Allergieforschung der Charité, dass Betroffene – vor allem Menschen mit Heuschnupfen – zu Beginn eines Gewitters oder kurz danach verstärkt Symptome entwickeln. Gewitter können auch bei Menschen, die bisher kein Asthma hatten, Symptome auslösen.
Gewitter-Asthma keine Diagnose
Klima- und Umweltforscherin Annette Straub hat in einem Team an der Universität Augsburg Gewitter-Asthma in Bayern (externer Link, pdf) untersucht. Die Forschenden werteten unter anderem Gesundheitsdaten, Notarzteinsätze sowie Klima- und Aeroallergendaten aus. Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen Gewitterereignissen und Atemnot-Fällen.
Eine Herausforderung, so die Wissenschaftlerin: Gewitter-Asthma ist keine eigene medizinische Diagnose. In die Auswertungen sind deshalb verschiedene Diagnosen eingeflossen – zum Beispiel allergisches Asthma, schweres Asthma oder unspezifische Atemnot. Das erschwert eine exakte statistische Einordnung.
Warum Pollen bei Gewittern problematisch werden – eine Theorie
Wie genau Gewitter-Asthma entsteht, ist noch nicht geklärt. Eine Theorie besagt: Starke Böen wirbeln viele Gräserpollen auf. In der feuchten Gewitterluft quellen diese Pollen auf, werden instabil und platzen. Dabei entstehen sehr kleine allergieauslösende Partikel, sogenannte Sub-Pollen-Partikel, winzige Bruchstücke von Pollen. Anders als die größeren Pollen gelangen diese Partikel beim Einatmen bis tief in die Bronchien – dort können sie bei Allergikern Asthma-Symptome auslösen.
Neue Studie: elektrische Ladung als Auslöser?
Aktuelle Laborforschung von der Deakin University (externer Link) in Australien bringt einen weiteren Faktor ins Spiel: die elektrische Ladung in Gewitterwolken. In einer Versuchskammer wurden statische elektrische Felder – wie bei Gewittern – sowie Mini-Blitze simuliert.
Die Beobachtung: Schwebende Gräserpollen von Roggengras (Weidelgras) setzten, besonders bei starken Feldern und hoher Luftfeuchtigkeit, deutlich mehr Sub-Pollen-Partikel frei. Künstliche Blitzentladungen verstärkten den Effekt noch. Das stützt die Annahme, dass nicht nur Feuchtigkeit, sondern auch elektrische Effekte bei Gewitter Pollen zum Aufbrechen bringen könnten.
Laborversuch versus Real Life
Jeroen Buters, Toxikologe und Allergieforscher am Zentrum Allergie und Umwelt (ZAUM) der Technischen Universität und des Helmholtz Zentrums München, misst selbst Pollenbelastungen. Er ist skeptisch, ob der Laborversuch realen Umweltbedingungen standhält: „Ich würde sehr gerne sehen, dass jemand die feinen Partikel, die da gefunden werden, auch in der Umwelt findet. Wir haben die kleinen Partikel in München sieben Jahre gesucht und nie gefunden. Nachteil ist: In München gewittert es während der Gräser-Pollen-Saison nicht so viel.“
Annette Straub ergänzt, neben Pollenfragmenten müssten bei Gewitter-Asthma zudem weitere Faktoren untersucht werden: Luftschadstoffe wie Ozon, Stickoxide, aber auch Feinstaub. Karl-Christian Bergmann mahnt auch Forschung zu Schimmelpilzsporen, etwa Alternaria, an.
Was hilft bei Gewitter-Asthma?
Für Deutschland gilt: Schwere Ereignisse von Gewitter-Asthma wie in Melbourne sind bislang nicht bekannt. Das Risiko wird aktuell, anders als in der Region um Melbourne (externer Link), als gering bewertet. Mit dem Klimawandel können jedoch zwei Entwicklungen zusammenwirken: stärkere Gewitter und eine längere sowie intensivere Pollenflugsaison (externer Link).
Allergieforschende wie Karl-Christian Bergmann oder Jeroen Buters raten Heuschnupfen-Betroffenen deswegen, nicht nur den Pollenflug im Blick (externer Link) zu haben, sondern auch die Gewitterlage. Vor und während eines Gewitters sollten Pollen-Allergiker in geschlossenen Räumen bleiben oder präventiv eine Hyposensibilisierung machen. Dabei wird das Immunsystem durch regelmäßige Gabe des Allergens in langsam steigender Dosis schrittweise daran gewöhnt.

