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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Langzeitmissionen im All: Wie extreme Isolation Teams belastet
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Langzeitmissionen im All: Wie extreme Isolation Teams belastet

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 5. Juni 2026 16:48
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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Eineinhalb Jahre: So lange wäre allein die Reisezeit bis zum Mars und zurück. Die Astronauten leben in dieser Zeit auf engstem Raum zusammen – und sollen in jeder Situation optimal zusammenarbeiten. Wie gut das klappt, haben Forschende bereits 2010 im Experiment „Mars 500“ erprobt. In Russland wurden sechs Freiwillige 520 Tage lang eingeschlossen. Anfangs war die Mannschaft enthusiastisch dabei, aber nach einigen Monaten zeigten sich Probleme: Die Einsatzbereitschaft ließ nach, Langeweile und Niedergeschlagenheit machten sich breit. Zunehmend zogen sich die Einzelnen zurück und die Stimmung wurde schlechter.

Inhaltsübersicht
Winter in der Antarktis: Fast wie im WeltraumImmer einsamer trotz KontaktenKonflikte und Paranoia nehmen zuFolgen für Langzeitmissionen

Winter in der Antarktis: Fast wie im Weltraum

Entscheidender Unterschied zum Weltraum: Im Ernstfall kann der Versuch abgebrochen oder einer der Teilnehmer herausgeholt werden. Das ist bereits vorgekommen bei solchen Isolationsexperimenten, bei denen die Menschen in der Regel zudem nur einige Wochen eingeschlossen sind.

Es gibt aber ein Szenario auf der Erde, das einem realen Aufenthalt im All ziemlich nahekommt: Auf der französisch-italienischen Concordia-Forschungsstation mitten in der Antarktis, einem der lebensfeindlichsten Punkte der Erde, überwintern jedes Jahr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hunderte Kilometer entfernt von den nächsten Menschen, zehn Monate lang auf engem Raum. Draußen ist es völlig dunkel, bis zu minus 80 Grad wird es kalt. Rettungsflüge sind da nicht möglich, das Team ist völlig auf sich gestellt.

Bei einer der letzten Concordia-Missionen, deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden, trugen die Überwinternden erstmals Kontaktsensoren bei sich. Sie wurden nur begrenzte Zeit und nur tagsüber getragen, um die Privatsphäre der Menschen so gut wie möglich zu gewährleisten. Die Sensoren zeigten objektiv an, wer wie viel Kontakt mit welchen anderen Personen hatte. Zusätzlich wurde, wie bisher schon üblich, das subjektive Befinden mit Fragebögen erfasst.

Immer einsamer trotz Kontakten

Während die Teilnehmenden angaben, sich zunehmend einsam zu fühlen, ergab die Auswertung der Sensoren ein anderes Bild: Die Menschen hatten über den gesamten Zeitraum etwa gleichbleibend miteinander zu tun. „Häufiger Kontakt bedeutet also nicht gleichzeitig soziale Unterstützung“ – jedenfalls nicht unter diesen extremen Bedingungen, schlussfolgert einer der Studienautoren, der Psychologe Jan Schmutz-Henestrosa von der Universität Zürich, im Interview mit dem BR.

Dazu kam: Je mehr Kontakte ein Teilnehmer hatte, desto häufiger traten Konflikte mit anderen auf. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass dies nichts über einen ursächlichen Zusammenhang aussagt.

Konflikte und Paranoia nehmen zu

Außerdem haben die Sensordaten gezeigt: Das Team auf der Forschungsstation zerfiel immer mehr in zwei Gruppen, die sich zunehmend aus dem Weg gingen – hier die Franzosen, da die Italiener.

Den Psychiater Sebastian Walther von der Universität Würzburg, ebenfalls Autor der Studie, hat außerdem beobachtet, „dass die Häufigkeit, mit der Menschen sich beobachtet fühlten oder das Gefühl hatten, es wird hinter ihrem Rücken schlecht über sie geredet, über die Zeit zugenommen hat“, sagte er dem BR. Bei einzelnen habe das sogar den Schwellenwert überschritten, der in der Psychiatrie für paranoides Verhalten angesehen werde.

Folgen für Langzeitmissionen

Insgesamt zeigen die Daten: Lange Isolation auf engem Raum ist eine große Herausforderung – für den einzelnen und für die Gruppendynamik. Für Raumfahrtmissionen wie einen möglichen Flug zum Mars bedeutet das vor allem zwei Dinge. Zum einen ist eine noch bessere Vorbereitung wichtig, als sie jetzt schon üblich ist: „Je mehr Charakteristiken in einem Team dafür sprechen, dass die Leute sich in Untergruppen begeben, umso größer die Gefahr, dass die Crew auseinanderfällt“, sagt Jan Schmutz-Henestrosa. Es komme also darauf an, Menschen mit möglichst unterschiedlichen Hintergründen für die Mannschaft auszuwählen und diese ausreichend zu sensibilisieren.

Zum anderen ist nach Meinung von Sebastian Walther bessere psychologische Unterstützung entscheidend, etwa durch Videokonferenzen: „Wir haben ja praktische Erfahrungen, wie man Resilienz stärken und Menschen in schwierigen Situationen unterstützen kann, mit Methoden aus der Psychotherapie oder aus dem Coachingbereich“, sagt er. So soll die psychische Gesundheit der Einzelnen so gut wie möglich gewahrt und der Zusammenhalt im Team gestärkt werden.

Wenn das aber nicht reichen sollte, die Astronauten im All sich möglicherweise sogar an die Gurgel gehen – dann kann auch die Bodenstation nur noch machtlos zusehen.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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