Milliarden Dollar gibt die Menschheit für die Beantwortung der Frage aus, ob wir alleine im Universum sind. Sonden werden in den Weltraum geschickt, Roboter untersuchen andere Planeten und Teleskope beobachten fremde Sonnensysteme. Sie suchen nach sauerstoffreichen Atmosphären auf Exoplaneten und nach kleinsten Spuren organischer Stoffe, den möglichen Bausteinen des Lebens.
Doch möglicherweise suchen wir falsch – und das bereits seit Jahrzehnten. Davor warnt eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern [externer Link]. Frank Postberg von der Freien Universität Berlin ist einer von ihnen.
„Falsche Negative“: ein ignoriertes Problem
Für falsche Positive, also die fehlerhafte Annahme, man habe einen Hinweis auf Leben gefunden, gebe es ein starkes Bewusstsein unter Wissenschaftlern, sagt Postberg. Aber die falsch Negativen, bei denen Hinweise auf außerirdisches Leben in den Forschungsdaten übersehen werden, „die hat keiner so wirklich auf dem Radar in der Community.“
Als Beispiel führen Wissenschaftler die Viking-Missionen an. Diese US-Sonden suchten in den 1970er-Jahren auf dem Mars nach Leben. Aber die widersprüchlichen Ergebnisse machten Wissenschaftler ratlos.
Mars-Sonde vernichtete möglicherweise Spuren von Leben
Erst mehrere Mars-Missionen und Jahrzehnte später kam eine neue Theorie auf: Viking hatte möglicherweise organisches Material auf dem Mars gefunden, es aber zerstört – ausgerechnet bei dem Experiment, das den Nachweis dafür bringen sollte. Vikings Untersuchungsinstrument war nicht auf die spezielle Zusammensetzung der Marsoberfläche ausgelegt, das Experiment orientierte sich daran, wie man auf der Erde nach Leben gesucht hätte.
Annahmen über Leben im All entstehen daraus, wie Leben auf der Erde aussieht und welche Umweltbedingungen es benötigt – ein bekanntes Problem. Es gebe sogar schon ein Witz dazu unter Wissenschaftlern, erzählt Postbergs Kollegin Lena Noack:
„Nachts auf einem Parkplatz, eine Person steht unter einer Laterne und sucht auf dem Boden ihre Schlüssel. Eine andere Person kommt vorbei und fragt: ‚Wo hast du sie denn verloren?‘ ‚Da drüben‘, sagt die Suchende und deutet ins Dunkel. ‚Warum suchst du dann hier unter der Laterne?‘ ‚Weil hier das Licht ist.'“
Schwierige Suche nach dem Unbekannten
„Wie können wir in dem Dunklen suchen?“, das ist die entscheidende Frage, die sich Noack stellt. Sie selbst sucht auf Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, nach Hinweisen auf Leben. Die Annahme von der Erde, dass eine sauerstoffreiche Atmosphäre auf Leben hinweist, kann bei diesen Himmelskörpern Trugschluss sein.
Noack und ihre Kollegen erreichen, dass Wissenschaftler genauer hinschauen: Wie kann eine sauerstoffreiche Atmosphäre noch entstehen? Wie kann Leben kaschiert werden, so dass wir es nicht finden? Kann es vielleicht auch an Orten entstehen, die wir als lebensfeindliche Wüste wahrnehmen und an denen wir unter irdischen Bedingungen gar nicht suchen würden?
Jedes Leben hat ein erkennbares Muster
Im Dunkeln suchen, das macht der Geowissenschaftler Robert Hazen von der Carnegie Stiftung in den USA. Sein Team analysiert Proben mit Hilfe von Maschinellem Lernen [externer Link]. Anders als ChatGPT und Co. ist diese Art von Künstlicher Intelligenz nicht darauf ausgelegt, kreativ zu sein und damit auch gelegentlich zu halluzinieren. Sie ist so programmiert, dass sie riesige Datenmengen nach Mustern durchsucht: Anordnungen von Molekülen, die einem System folgen.
„Wenn wir davon ausgehen, dass lebende Organismen immer nach einem Muster aufgebaut sind, das ihnen das Weiterleben und die Fortpflanzung ermöglicht, dann haben alle Moleküle dieser Lebensform eine Funktion, einen Sinn“, sagt Hazen. Diese Muster können bei außerirdischem Leben ganz anders aussehen als auf der Erde – aber es sind doch Muster, die sich von denen abiotischer Materialien wie Meteoritengestein unterscheiden.
Nur das Leben auf der Erde als Beispiel
Noch testet Hazen seine Methode an Gesteinen auf der Erde. In Zukunft will er damit den Saturnmond Enceladus zu untersuchen.
Die Berliner Wissenschaftler um Noack und Postberg finden diesen Ansatz interessant. Trotzdem verweisen sie auf die Grenzen der Technologie und darauf, dass wir uns der Grenzen bewusst sein müssen: „Solange wir nicht ein zweites Beispiel von Leben gefunden haben, tappen wir im Dunkeln“, sagt Lena Noack. „Wir können nicht garantieren, dass wir definitiv Leben entdecken könnten.“ Die Wahrscheinlichkeit eines falsch Negativen bleibt trotz aller Bemühungen hoch.
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