Starke Alphatiere zeigen ein aggressives Verhalten und dominieren ihre schwächeren Artgenossen. Für die übrigen Tiere hat das Vorteile, etwa eine stabile Gruppe und ihren Schutz vor Gefahren wie Fressfeinden. Bei Primaten, Vögeln oder Tüpfelhyänen akzeptieren die weniger dominanten Tiere deshalb den privilegierten Rang der Alphatiere, etwa bei der Nahrungssuche und beim Paarungsverhalten. Allerdings ist diese soziale Sonderrolle des Alphatiers permanent bedroht: durch Rivalen, aber auch bei zu großer Dominanz. Denn die wird von den übrigen Gruppenmitgliedern begrenzt, zeigt eine internationale Studie von Verhaltensbiologen (externer Link).
Viele Tierarten zeigen machtbegrenzende Verhaltensmuster
Die internationale Forschungsgruppe hat in einer theoretischen Studie über das artübergreifende „Leveling-Verhalten“ erstmals zusammengefasst, wie Machtunterschiede in Tiergruppen ausgeglichen werden. Das Bild vom alles dominierenden Alphatier sei unvollständig, betont die Studienautorin und Verhaltensbiologin Danai Papageorgiou: „Mächtige Individuen zahlen oft einen Preis dafür, indem sie in einem anderen Bereich Einfluss verlieren.“ Die Forscherin leitet die Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe „Maintaining the Balance of Power in Animal Societies“ („Aufrechterhaltung des Machtgleichgewichts in Tiergesellschaften“, externer Link) an der Humboldt-Universität in Berlin.
Ihre Untersuchung zeigt: Gruppenhierarchien, also klare Rangordnungen, existieren bei vielen Tierarten wie Schimpansen, Makaken und Geierperlhühnern in der kenianischen Savanne. Dabei konnten die Tierforscher artübergreifend bestimmte Reaktionen rangniedriger Gruppenmitglieder beobachten, sobald Alphatiere zu dominant wurden und ihr Verhalten für die restliche Gruppe nachteilig war.
Einfluss der Gruppe auf die Alphatiere ist wenig untersucht
Das Verhalten nicht-dominanter Tiere wurde bislang selten systematisch untersucht, sagt der Verhaltensbiologe und Wissenschaftskommunikator Niklas Kästner. Die aktuelle Studie zeige, dass sich unterlegene Tiere einer starken Machtstellung widersetzen. So wurde beispielsweise bei Zwergmangusten beobachtet, dass sie Nähe, soziale Unterstützung oder Fellpflege einem zu aggressiven Alphatier vorenthalten. Sobald das Alphatier für sich Nahrung auf Kosten anderer Gruppenmitglieder in Anspruch nimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit, ausgeschlossen zu werden.
Bei Geierperlhühnern in der kenianischen Savanne konnte Studienleiterin Papageorgiou beobachten, dass die Gruppen bei Futternot – angetrieben von einem niederrangigen „Initiator“ – plötzlich zu einem anderen Futterplatz aufbrachen und dabei offenbar bewusst ihre Leithähne zurückließen. „Was dann passiert, ist, dass der Dominante losrennt, um der Gruppe wieder zu folgen“, so Verhaltensbiologin Papageorgiou, denn auch Alphahähne brauchten den Schutz ihrer Artgenossen.
Möglicher Ursprung von menschlichem Sozialverhalten
Das Konzept des „Leveling“ geht auf die Forschung des Anthropologen und Primatologen Christopher Boehm aus den 1990er-Jahren zurück. Boehm forschte an der Universität Harvard zum evolutionären Ursprung der sozialen Organisation in menschlichen Gesellschaftsformen. Weil er bei Schimpansen, Bonobos und Gorillas herausgefunden hatte, dass ihre Gruppenhierarchien durch das Sozialverhalten aller Tiere funktionierten, vermutete er einen gemeinsamen Ursprung der Gesellschaftsformen in menschlichen Gesellschaften – angefangen bei den Jäger- und Sammlerstämmen in der Frühzeit bis hin zur politischen und sozialen Organisation von Demokratien.
Die Studie zeigt: Es existieren artübergreifende Strategien, die sicherstellen, dass dominante Leittiere auch auf das Wohl der gesamten Gruppe achten. So lässt sich laut Studienautoren vorhersagen, wann eine Koalition niederrangiger Tiere die Alphatiere sanktioniert. Allerdings: Ob und wann ein solches „Leveling-Verhalten“ auftritt, hängt offenbar von einer Kosten- und Nutzenabwägung ab. Diese sozialen Kipppunkte sollen jetzt genauer erforscht werden.

