Dieser Anblick war nichts für schwache Nerven: Mitte Juni tauchte im niedersächsischen Dorf Klein Lobke, südöstlich von Hannover, ein Gänsegeier auf. Was Tierfotografen und Ornithologen zunächst begeisterte, wurde jedoch schnell zum Drama: Der Geier flog in ein Storchennest mit mehreren Jungtieren und plünderte es über zwei Tage lang (externer Link).
Die Elterntiere hatten noch versucht, ihren Nachwuchs vor dem gewaltigen Greifvogel zu schützen, sich dann jedoch zurückziehen müssen. Mutmaßlich derselbe Geier griff wenige Tage später im fünf Kilometer entfernten Algermissen (externer Link) erneut ein Storchennest an. Vor den Augen der Elterntiere tötete er einen Jungvogel nach dem anderen und fraß sie.
„Außergewöhnliche Attacken“
So schrecklich die Angriffe auf die Jungstörche mit anzusehen waren, so sehr sind sie jedoch die Ausnahme, heißt es sowohl beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) als auch beim Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV): „Die Vögel sind Aasfresser, die wollen nichts angreifen, was sich noch bewegt“, erklärt LBV-Geier-Experte Toni Wegscheider. Geier seien nicht, wie andere Greifvögel, sogenannte „Grifftöter“, die ihre Beute bereits mit den Krallen töten, so Wegscheider: „Die sind darauf angelegt, dass sich die Nahrung nicht mehr wehren kann.“
Für den Geier sei es schlicht ein zu großes Risiko, eine Beute zu attackieren, die um ihr Leben kämpfe, etwa durch Hacken oder Beißen. „Der Schnabel wird nur zum Fressen verwendet“. Das sei aus der Perspektive des Geiers auch sinnvoll, sagt Wegscheider, „weil ich mich da mit dem Kopf ja nähern muss. Und wenn ich auch nur eine Hasenpfote ins Auge bekomme, kann das wahnsinnig blöd ausgehen für mich als Greifvogel.“
Verzweifelt vor Hunger
Die Angriffe auf Jungstörche seien tatsächlich die Ausnahme, so der Geier-Experte: „Es zeigt auch die Verzweiflung der Tiere, weil ja auch so ein Storchenküken für einen Vogel dieser Größenordnung nur ein Happen ist. Da ist ja nichts dran. Die brauchen Rindskadaver, tote Schafe, tote Hirsche. Davon lebt der Gänsegeier. So ein Küken, das ist halt wie eine Praline zwischendurch, aber nichts, wovon ich langfristig leben kann.“
Nahrungskonkurrenz in Südeuropa
Die verzweifelte Suche nach Nahrung ist auch der Grund, warum die Gänsegeier aus ihren Revieren in Frankreich, Spanien, Portugal und dem Balkan zu uns kommen. „Die suchen bei uns letztlich Futter,“ erklärt Wegscheider. Denn: „Im Süden sind die Brutvögel aktiv. Die dortigen Paare, die ihren Nachwuchs haben, können auch sehr dominant am Futter sein.“ Die jüngeren Geier, die noch nicht verpaart und nicht sesshaft seien, zögen da oft den Kürzeren und müssten sich nach Alternativen umsehen: „Die fliegen dann enorme Strecken durch Mittel- und Nordeuropa, um da vielleicht auch mal Nahrung zu finden.“

