Es war wie eine Apokalypse, was da über die Menschen der kleinen brasilianischen Gemeinde Brumadinho am 25. Januar 2019 hereinbrach. Der Staudamm eines Rückhaltebeckens, in dem Schlamm aus einem Erzbergwerk aufgefangen wurde, brach. Rund zwölf Millionen Kubikmeter Minenschlamm ergossen sich über eine riesige Fläche, mindestens 270 Menschen verloren ihr Leben.
Dreistellige Millionensummen gefordert
Angehörige der Opfer machen auch den TÜV SÜD mit Sitz in München für die Katastrophe mitverantwortlich. Denn eine Tochtergesellschaft des Münchner Prüfkonzerns hatte den Damm für sicher erklärt, kurz bevor er kollabierte. Die Schadenersatzforderungen der rund 1.500 Betroffenen summieren sich auf etwa 600 Millionen Euro.
Der Klägeranwalt Jan Erik Spangenberg sagt im Gespräch mit dem BR, das Leid könne mit Geld nicht ungeschehen gemacht werden. Aber die Lebenssituation vieler Hinterbliebener würde „gelindert“, wenn Geld nach Brasilien fließt. Auch die zwei von der Katastrophe betroffenen Gemeinden klagen als Körperschaften.
Kläger sehen Mitverantwortung
Der Kläger-Anwalt Spangenberg sieht Belege dafür, dass das Zertifikat der TÜV-Tochtergesellschaft unterschrieben wurde, obwohl es klare Hinweise gegeben habe, dass der Damm nicht stabil war.
Das Münchner Landgericht befasst sich bereits 2021 mit der Klage. Jetzt geht es vor allem um die Frage, ob brasilianisches Recht angewendet werden kann. Die Gesetzgebung Brasiliens sei bei Umweltthemen „besonders streng und für Kläger günstig“, erklärt Spangenberg. Aus Aufträgen, die das Münchner Landgericht an Gutachter erteilt hat, liest er ab, dass die Klage gute Aussichten auf Erfolg habe.
TÜV weist Verantwortung zurück
Die TÜV SÜD AG hält die Klage für juristisch nicht begründet. Der Münchner Prüfkonzern erklärt, der Dammbruch sei „ein furchtbares Unglück“ gewesen, und ergänzt: „Unser Mitgefühl gilt weiterhin den Opfern und ihren Angehörigen.“ Doch die Konzernleitung sei „weiterhin davon überzeugt, dass TÜV SÜD für das Unglück keine rechtliche Verantwortung trägt“. Die Zertifizierung des Dammes habe „den anwendbaren brasilianischen Normen und Standards“ entsprochen.
Der brasilianische Betreiber der Mine in Brumadinho habe seine Verantwortung bereits seit langer Zeit anerkannt und den Opfern und Angehörigen Entschädigungen geleistet, stellt der TÜV Süd fest.
Auch strafrechtliche Prüfung
Unabhängig von dem Zivilverfahren auf Schadenersatz beschäftigt sich die Münchner Justiz auch mit der Frage, ob TÜV-Mitarbeiter strafrechtlich belangt werden können. Bereits seit 2019 ermittelt die Staatsanwaltschaft. Inzwischen seien die Ermittlungen sehr weit vorangeschritten und könnten möglicherweise Ende dieses Jahres oder Anfang 2027 abgeschlossen werden, hatte eine Behördensprecherin Anfang Mai erklärt.
Auch die brasilianische Justiz ist noch mit der Aufarbeitung der Katastrophe beschäftigt. In Brasilien laufen Strafverfahren gegen 15 Mitarbeiter des Bergbaukonzerns Vale, der die Mine betrieb, und gegen die brasilianische TÜV-Gesellschaft.

