Ein neues Haus bauen – aus dem, was sonst weggeworfen würde? Das war die Vision des jungen Allgäuer Architektur-Kollektivs Supertecture. „Sogar die letzte Schraube soll schon mal ein Leben gehabt haben und bekommt eine zweite Chance“, erklärt Supertecture-Architekt Stefan Foges. Kleiner Spoiler: Zu 100 Prozent klappte das nicht.
Aber in Dickenreishausen bei Memmingen steht er jetzt, der 2-Zimmer-Recycling-Bungalow. Von außen sieht man direkt, dass die Holzfassade schon ein geselliges Vorleben hatte: Für die Holzfassade wurden alte Bierbänke verwendet.
Bierbänke werden zur Hausfassade
Statt zu Hackschnitzeln würden gebrauchte Bierbänke also in eine Hauswand verwandelt, erklärt Transformationsdesignerin Marina Bucher. Bis auf die tragende Konstruktion – die kam vom ökologisch arbeitenden Fertighaushersteller Baufritz – hatten fast alle Bauteile schon anderswo ein Vorleben.
Das Parkett: aus einer abgerissenen Kirche. Die Küche und der Schlafzimmerschrank: aus Kirchenbänken und Verschnitt-Resten neu gefertigt. Die Badfliesen stammen aus einem umgebauten Schwimmbad. Die Fenster waren Fehlproduktionen. Sie wurden in den falschen Maßen produziert. „So hatten wir die Besonderheit, dass die Fenstergrößen festgelegt waren, bevor wir überhaupt das Haus geplant hatten“, erzählt Marina Bucher.
Kreislauf-Architektur heißt: Verfügbare Bauteile wiederverwenden – möglichst ohne viel Einsatz von Energie. Erst kommt das Material, dann der Entwurf: Die Architektur passt sich dem Vorhandenen an. Sie hätten das im Studium nicht gelernt, sagt Stefan Foges. Der Planungsprozess könne dann aber tatsächlich viel Spaß machen, weil es ein bisschen wie Tetris-Spielen sei: „Man schaut, wo passt welches Fenster vielleicht am besten hin.“
Zirkuläres Bauen als Speicher persönlicher Erinnerungen
Bungalow-Besuch von Ilka Bielenberg und Barbara Henle. Einiges hier ist ihnen sehr vertraut: Die beiden Frauen haben viel Zeit in der Füssener Kirche zu den Acht Seligkeiten verbracht, aus der Parkett und Bänke stammen. Den Boden neu aufbereitet in einem gemütlichen Wohnzimmer zu sehen, ist für Barbara Henle emotionaler als gedacht: Barbara Henle sagt, sie denke beim Kirchenboden an die Füße der Menschen, die da mal draufstanden. Viele gebe es schon gar nicht mehr, aber sie hätten halt ihre Kindheit und ihr Leben lange Zeit begleitet. „Umso schöner, dass da auch was davon bleibt und nicht nur in der Erinnerung von den Leuten, sondern einfach auch, dass was Physisches bleibt“, sagt Henle.
Zirkuläres Bauen als Erhalt von Ressourcen – und als Erinnerungs-Speicher. Ein im Wortsinn materialistisches Konzept: „Das ist so ’n Teil unserer Mission, auch diese Geschichten eben zu erzählen, damit da auch noch mehr, also die Sachen kriegen mehr Wert, wenn die Leute die Geschichten kennen“, davon ist Marina Bucher überzeugt.
Baunormen erschweren Recycling beim Bauen
Aber: An zwei Stellen scheiterten Marina Bucher und ihr Team. Es gab einfach keine wiederverwendbare, passende Regenrinne in der Region. Und auch die Rollstuhlrampe für den barrierefrei konzipierten Bungalow ist Neuware – denn keines der verfügbaren Gitter erfüllte die nötigen Sicherheitsstandards.
Baunormen erschweren erwartungsgemäß das Arbeiten mit Wiederverwendetem in der Praxis. Trotzdem ließen sich auf politischer Ebene schnell Dinge anstoßen, sagt Marina Buchner, etwa wenn Abrisse vorher angekündigt werden müssten: Dadurch, dass es dafür keine Regelung gebe, seien teilweise Bauteile auf der Deponie, ohne dass die Architekten und Architektinnen jemals davon erfahren.
Inzwischen hat sich das Kollektiv unter dem Namen „Supertrifaller“ mit einem größeren Architekturbüro zusammengetan. So will man das kreislaufgerechte Bauen stetig weiter professionalisieren. Eines der Ziele: Materialeinsatz noch langfristiger in die Zukunft denken. Dass man nicht nur für ein zweites Leben baue, sondern auch für ein drittes, erklärt Bucher. Entsprechend seien die Bodenplatten auf der Unterkonstruktion nicht verklebt, sondern verschraubt worden und ließen sich somit, wenn das irgendwann so nicht mehr funktioniere, wieder ausbauen.

