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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Sonny Rollins gestorben: Wenn er spielte, ging die Sonne auf
Kultur

Sonny Rollins gestorben: Wenn er spielte, ging die Sonne auf

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 26. Mai 2026 12:47
Von Uta Schröder
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13 min. Lesezeit
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Jazzlegende Sonny Rollins gestorben

Wenn er spielte, ging die Sonne auf


26.05.2026 von Ulrich Habersetzer

Saxophonist Sonny Rollins wurde als Gigant, Koloss und Titan bezeichnet. Er war einer der letzten Vertreter der goldenen Zeit des Jazz. Nun ist er im Alter von 95. Jahren gestorben. In seiner Karriere erfand er sich immer wieder neu. Erinnerungen und Stationen an einen Musiker, der den Jazz geprägt hat.

Inhaltsübersicht
Jazzlegende Sonny Rollins gestorben Wenn er spielte, ging die Sonne aufSonny Rollins trägt goldene Zeit des Jazz weiterKaribik im OhrSonny Rollins bei BR KlassikMiles Davis am KlavierAufnahmen am laufenden BandUnsterbliche MarkenzeichenKarriere-Höhepunkte – und RückzugÜben auf der Williamsburg BridgeDer teuerste Saxophonist der WeltExperimente mit unterschiedlichen StilenAktiv auch ohne InstrumentSonny Rollins wurde nicht leise

Bildquelle: colourbox.com

Liederhalle in Stuttgart, 12. Mai 2001: Menschen erheben sich wie berauscht von den Stühlen, drängen durch den Mittelgang nach vorne an den Rand der Bühne, bilden eine Traube davor. Sie alle wollen ihm nahe sein. Noch mächtiger wirkt der Hüne auf der Bühne, der über die jubelnden Menschen sein Saxophon schwenkt und eine seiner typischen, schier unendlichen Schlusskadenzen spielt, wahrscheinlich zu seinem Calypso-Hit „Don’t stop the Carneval“. Wie ein Leuchtturm des Sounds, scheinen seine Töne in alle Richtungen zu strahlen, manche weisen in eine Zeit, die vergangen scheint, manche in die Zukunft.

Sonny Rollins trägt goldene Zeit des Jazz weiter

Sonny Rollins, Gründervater des Hardbop, Jazzlegende, damals 70 Jahre alt, mit sicherem Platz ganz vorne im Olymp dieser Musik. Er stellt die Verbindung her zur goldenen Zeit des Jazz, den meisten Menschen im Stuttgarter Konzert nur durch Platten, Bücher und Bilder bekannt. Sonny Rollins hat zu dieser Jazzstory entscheidende Kapitel beigesteuert und er hat den Jazz mit ins 21. Jahrhundert getragen.


Tenorsaxophon-Legende Sonny Rollins am 8. November 2009 beim Salzburger Jazzherbst. | Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut, Sammlung Christian Wurm
Tenorsaxophon-Legende Sonny Rollins am 8. November 2009 beim Salzburger Jazzherbst. | Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut, Sammlung Christian Wurm

Philharmonie in München, Nikolaustag, 6. Dezember 2008. Sonny Rollins betritt die Bühne. Der Riese mit dem goldenen Horn geht nach vorne gebeugt, zieht ein Bein etwas nach, sein Gang wirkt unsicher. Dann setzt er sein Instrument an und er flutet den Raum mit seinem mächtigen Ton. Sein Oberkörper pendelt vor und zurück mit jeder Phrase, die er spielt. Der Saxophontrichter sinkt fast bis auf den Boden, wird dann ruckartig in die Höhe gerissen. Vorbei ist der gebrechliche Eindruck. Da ist sie wieder, diese Kraft und Energie, dieser Spielwille und die Spiellust, die den Saxophonstar seit Beginn seiner Karriere begleitet haben. Nur selten hat er diese Lust verloren, dann zog er aber direkt die Konsequenzen und verabschiedete sich zeitweise vom Musikleben, um neue Kräfte und Inspiration zu sammeln.

Karibik im Ohr

Theodor Walter „Sonny“ Rollins kam am 7. September 1930 in New York zur Welt. Seine Eltern stammten von den karibischen Jungferninseln und die Sounds der West Indies umgaben ihn als Kind ständig. Sie mischten sich in Harlem, wo er aufwuchs, mit den Klängen des Jazz. Sieben Jahre soll er alt gewesen sein, als sein Onkel ihm ein Saxophon zeigte, und dieses gebogene goldene Horn begeisterte den Jungen. Mit neun lernte er Klavier, mit vierzehn wechselte er zum Alt- und bald zum Tenorsaxophon, seinem Sprachrohr.

Sonny Rollins bei BR Klassik

Hören Sie eine Sendung zu Ehren von Sonny Rollins und Miles Davis am 27. Mai 2026 ab 19:03 Uhr – lassic Sounds in Jazz“ bei BR Klassik.

Miles Davis am Klavier

Schon 1949 wirkte er bei einer Plattenaufnahme mit und tauchte ein in die brodelnde New Yorker Szene. Zwei Jahre später war es Miles Davis, der Sonny Rollins bei dessen erster Single unter eigenem Namen begleitete. Davis spielte aber beim Stückchen „I know“, es dauert nur zweieinhalb Minuten, nicht Trompete, er saß am Klavier. In der Aufnahme hört man Sonny Rollins‘ persönlichen Stil schon gut heraus. Diese griffige, stark akzentuierte Spielweise ist harmonisch vom Bebop beeinflusst, aber die Linien sind stärker rhythmisiert. Auch seinen kraftvoll-unumstößlichen Sound hat Rollins hier schon. Den sollte sich der Saxophonist seine gesamte aktive Zeit über beibehalten. In den späten Jahren gewann er allerdings an Schärfe und Kernigkeit dazu und hatte nicht mehr diese warme Rundheit.

Sonny Rollins – Jazz à Vienne 2011 – LIVE HD

Aufnahmen am laufenden Band

Mit Pianist Thelonious Monk und Schlagzeuger Max Roach machte Rollins Anfang der 50er Jahre Aufnahmen, die beiden spielten dafür später auch auf Rollins‘ Alben mit. Auch Miles Davis holte Rollins für eine kurze Zeit in sein Quintett. Nachdem der Saxophonist glücklicherweise Mitte der 50er Jahre die bei Jazzmusikern leider weitverbreitete Heroinsucht überwunden hatte, trat er vor allem unter eigenem Namen auf und veröffentlichte etliche Alben. In den Jahren 1956 und 1957 wurden insgesamt zwölf Alben mit Rollins als Bandleader veröffentlicht, bei fünf verschiedenen Plattenfirmen, darunter Klassiker wie „Saxophone Colossus“ oder „Way out West“.

Unsterbliche Markenzeichen

Gleich mehrere Markenzeichen, die Sonny Rollins unsterblich machten, finden sich auf diesen Alben. Auf „Saxophone Colossus“ ist etwa seine wohl bekannteste Komposition zu finden: der Calypso „St. Thomas“, benannt nach einer Insel in der Gruppe der Jungferninseln. Die Melodie leitet sich von einem englischen Volkslied ab und auf den Jungferninseln wurde sie als Kinderlied gesungen. Rollins machte sich das Stück zu eigen und es wurde sein berühmtester Ohrwurm. Wahrscheinlich alle Saxophon-Schülerinnen und -Schüler weltweit, die sich für Jazz interessieren, lernen dieses Stück irgendwann. Das Calypso-Feeling aber mit der nötigen Mischung aus Entspanntheit und Zupacken zu interpretieren, das gelingt nur wenigen.

Sonny Rollins – St. Thomas

Rollins‘ weitere Spezialität war das Spiel ohne Harmonieinstrument, um 1956 bedeutete das fast immer, ohne Klavier. Auf seinem Album „Way out West“ zeigt Rollins die enorme Fähigkeit, ohne Akkorde vom Klavier durch die Harmonien der Stücke zu leiten. Als Zuhörer verliert man nie den Hör-Faden. Rollins stellt die Struktur der Stücke und die Akkordzusammenhänge immer klar in seinen Improvisationen dar, ist dabei aber ungemein kreativ. Ein Meisterwerk!

Karriere-Höhepunkte – und Rückzug

Im selben Jahr, 1957, lernte Rollins den späteren Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman kennen und beide Saxophonisten jammten miteinander. Rollins stand zum ersten Mal auf der Bühne der Carnegie Hall. Er war auf dem Zenit und wurde als „Boss of the Tenors“ bezeichnet. 1958 folgte Rollins musikalisches Polit-Statement, die faszinierende „Freedom Suite“ wieder im Trio mit Kontrabass und Schlagzeug. Ein Streit entbrannte um den für die Plattenfirma zu polarisierenden Titel, und die Platte wurde in „Shadow Waltz“ umbenannt. Heute gibt es das Album mit Originaltitel zu kaufen. 1959 hätte Sonny Rollins einfach auf der Welle seiner Erfolge weiterschwimmen können, aber er war frustriert. Er war nicht mehr inspiriert und er zog sich zurück, für mehr als zwei Jahre.

Üben auf der Williamsburg Bridge


Tenorsaxophonist Sonny Rollinsin den sechziger Jahren. | Bildquelle: picture-alliance/dpa
Tenorsaxophonist Sonny Rollins in den sechziger Jahren. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Er wollte ausgiebig üben und hatte Angst, in seiner Wohnung in der Lower East Side in Manhattan die Nachbarn zu sehr zu stören. Also ging er mit seinem Saxophon auf die Williamsburg Bridge, die Manhattan und Brooklyn verbindet, stellte sich auf den Fußgängerüberweg und spielte, umgeben von Verkehrslärm. In dieser Zeit hörte Rollins auf zu rauchen, begann mit Yoga-Übungen und entwickelte einen noch stärkeren Sound. So bewegend ist diese Geschichte, dass es sogar seit 2017 eine Initiative gibt, die erreichen möchte, dass die Williamsburg Bridge in „Sonny Rollins Bridge“ umbenannt wird.

Im November 1961 kam der Saxophonist wieder auf die Bühne und die Zeitung „The New Yorker“ schrieb: „Rollins ist nicht bloß zurück, er ist eine Erscheinung“. Im Frühjahr 1962 nahm der Saxophonist dann unterstützt von Gitarrist Jim Hall, Bassist Bob Cranshaw und Schlagzeuger Ben Riley ein weiteres Meisterwerk auf: „The Bridge“. Würde man eigentlich einen donnernden Saxophonisten erwarten, gestählt durchs Anspielen gegen den Verkehrslärm, hört man auf „The Bridge“ vielmehr einen geschmeidigen Ensemblespieler, der seine Kraft äußerst differenziert und balanciert einsetzt. Ein Musiker, der seine Töne genau wählt und deutliche musikalische Statements macht.

Der teuerste Saxophonist der Welt

Sonny Rollins weitete in den Folgejahren seinen Stil auch in Richtung der freien Improvisation aus, suchte aber immer wieder Mitspieler aus dem traditionellen Jazzkontext. Es entstanden Alben mit dem von Free- und Ethnojazz inspirierten Trompeter Don Cherry, aber auch mit dem Tenorsaxophon-Übervater Coleman Hawkins. Rollins schrieb Filmmusik für den Hollywood-Streifen „Alfie“ und ging weltweit auf Tour, unter anderem zum ersten Mal in Japan.

Experimente mit unterschiedlichen Stilen


Tenorsaxophonist Sonny Rollins im Jahr 1974 auf Tournee mit Saxophonist und Dudelsackspieler Rufus Harley. | Bildquelle: picture-alliance/dpa
Tenorsaxophonist Sonny Rollins im Jahr 1974 auf Tournee mit Saxophonist und Dudelsackspieler Rufus Harley. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

1969 zog sich der Saxophonist ein zweites Mal zurück für zwei Jahre. Er besuchte Jamaika und vertiefte in Indien seine Kenntnisse der fernöstlichen Philosophie und Meditation. Ab 1971 war Rollins gefeierter Solist auf den ganz großen internationalen Festivals. Er experimentierte mit unterschiedlichen Stilen, näherte sich dem Fusion-Jazz an, spielte auch Sopransaxophon und trat bei den Berliner Jazztagen 1974 sogar mit einem Dudelsackspieler auf. Wenige Alben dieser Zeit können an die früheren Meilensteine anknüpfen. Rollins wurde zu einem der teuersten Jazzmusiker. Wenn ein Veranstalter ihn auf seinem Festival haben wollte, musste er ein echtes Vermögen aufbringen.

Aktiv auch ohne Instrument

1998 veröffentlichte Sonny Rollins mit „Global Warming“ ein Album als Statement zum Klimawandel. Die gleichnamige Komposition wurde fester Bestandteil seines Repertoires. Ein besonders bewegendes Konzert gab der Saxophonist am 15. September 2001 in Boston, das 2005 als Album erschien. Wenige Tage zuvor, am 11. September, war Rollins nur mit seinem Saxophon in der Hand, wie es heißt, aus seiner Wohnung im Greenwich Village evakuiert worden, kurz nach den verheerenden Anschlägen auf das World Trade Center. „Musik gehört zu den schönen Dingen des Lebens, deshalb müssen wir sie lebendig halten. Vielleicht kann ja Musik helfen, ich weiß es nicht, aber wir müssen es in Tagen wie diesen wenigstens versuchen“, sagte Rollins beim Konzert am 15. September 2001. Die Musik, die sein Sextett dann spielte, war eine, die nach all den schrecklichen Erfahrungen der Vortage zu Herzen ging, versöhnte, mitriss und wenigstens für einen kurzen Moment Leichtigkeit zurückgab.

Sonny Rollins wurde nicht leise


Sonny Rollins im Oktober 2012 in Prag vor einem seiner letzten Konzerte. | Bildquelle: picture-alliance/dpa
Sonny Rollins im Oktober 2012 in Prag vor einem seiner letzten Konzerte. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Seit 2012 trat Sonny Rollins nicht mehr auf, aus gesundheitlichen Gründen konnte er nicht mehr Saxophon spielen. Aber er blieb äußerst aktiv in Sozialen Netzwerken, postete auf Facebook, gratulierte anderen Jazzern zu Jubiläen und erinnerte an besondere Ereignisse in der Jazzgeschichte. Im Juni 2020 gab er der Zeitung „The New Yorker“ ein ausführliches, kritisches Interview über die aktuelle Lage in den USA und seine persönliche Situation. Auch wenn er nicht mehr Saxophon spielte, blieb Sonny Rollins deshalb noch lange nicht leise.

Autor des Artikels: Ulrich Habersetzer

Sendung: „Leporello“ am 26. Mai 2026 ab 16:05 Uhr auf BR Klassik und im Podcast „Klassik aktuell“ in ARD Sounds.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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