Ein ganz normaler Schultag in einer sechsten Klasse: Die Lehrkraft erklärt Bruchrechnung, dann teilt sie ein Arbeitsblatt dazu aus. Klassischer Unterricht, aber lernen die Kinder dabei wirklich? Nein, sagt Oliver Kunkel. Er ist Lehrer an einem Gymnasium in Schweinfurt und beschäftigt sich seit Jahren mit Hirnforschung. „Wir wollen Menschen unterrichten, keine Computer mit Daten füttern“, sagt Kunkel. Er experimentiert deshalb mit gehirngerechtem Lernen (externer Link). Dafür hat er sich mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt (externer Link) vernetzt.
Zum Lernen raus in die Natur
In Kunkels Klassenzimmer sind die Tische auf die Seite gerückt. Der Lehrer sitzt mit seinen Schülern im Kreis oder sie gehen in die Natur. Erst erklärt er den aktuellen Stoff, dann setzen die Kinder das Gehörte um. Sie bauen es zum Beispiel mit Legosteinen nach. Das Gehirn muss richtig aktiviert werden, sagt Kunkel. Die Kinder denken, erinnern und probieren aus. Darum geht es auch auf der Praxistagung „Activation is the key“ (externer Link) am 3. Juli 2026 in Nürnberg, die Hirnforschung und Schulpraxis verknüpfen will.
Warum Zuhören allein nicht reicht
Hirnforscherin Barbara Oakley von der Oakland University im US-Bundesstaat Michigan beschreibt Lernen als Prozess im Gehirn: Wenn Kinder etwas lernen, entstehen neue Verbindungen zwischen Nervenzellen. Durch Übung werden diese Verbindungen stärker. Werden sie nicht genutzt, können sie wieder schwächer werden.
Das bedeutet: Ein Kind kann im Unterricht etwas verstanden haben und später trotzdem nicht in der Lage sein, es anzuwenden. Verstehen ist nur der Anfang. Wissen festigt sich erst, wenn Kinder üben, wiederholen und das Gelernte aus dem Gedächtnis abrufen. Oakley nennt das „Retrieval Practice“. Für den Unterricht heißt das: Hefte zuklappen, erklären, was noch im Kopf ist, kurze Quizfragen beantworten oder Rechenwege ohne Vorlage anwenden.
Neugier hilft dem Gehirn
Ein weiterer wichtiger Faktor beim Lernen ist Neugier. Oakley erklärt: Wenn Kinder neugierig sind und ein Problem lösen wollen, bleibt das Gehirn eher an der Aufgabe dran. Kommt dann der Aha-Moment, kann Dopamin helfen, die gerade genutzten Verbindungen im Gehirn zu festigen.
Auf Neugier setzt auch Mathelehrer Martin Kramer (externer Link), der Mathematik buchstäblich begreifbar macht. Gleichungen erklärt er mit Streichholzschachteln, einen Kreisumfang mit Pizzastücken. Ein Koordinatensystem kann sich über das ganze Klassenzimmer erstrecken. Die Schülerinnen und Schüler stehen dann selbst auf einzelnen Punkten und rufen Koordinaten auf. Formeln werden so zu einer Erfahrung. Sie sind nicht nur Zeichen an der Tafel, sondern Mathematik wird räumlich vorstellbar.
Solche Ansätze passen zur Forschung über „Embodied Cognition“: Denken ist nicht nur Kopfarbeit. Körper, Handlung und Raum können helfen, Begriffe aufzubauen, wenn sie sinnvoll mit dem Lernziel verbunden sind.
Kein Kind ist nur ein „Lerntyp“
Oliver Kunkel warnt zugleich vor dem Mythos der Lerntypen, der Idee, ein Kind sei entweder vor allem visuell, auditiv oder motorisch veranlagt und müsse genau passend dazu unterrichtet werden. Dafür gibt es wissenschaftlich keine Grundlage.
Es geht nicht darum, jedes Kind auf einen angeblichen Lerntyp festzulegen. Es geht darum, Inhalte so aufzubereiten, dass alle Sinne zusammenspielen: sehen, sprechen, hören, bauen, bewegen, erklären, schreiben. Denn das Gehirn kann die Zusammenhänge besser aufbauen, wenn ein Inhalt in verschiedenen Formen verarbeitet wird.
Gerade darin liegt auch der Unterschied zur künstlichen Intelligenz (KI). KI kann Informationen speichern, verknüpfen und Texte erzeugen. Menschen aber lernen mit ihrem Körper, Gefühlen und allen Sinnen. Zusammengefasst: Guter Unterricht beschäftigt Kinder nicht nur. Er bringt sie zum Denken.

