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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Toxic positivity auf Social Media: Wenn Optimismus krank macht
Kultur

Toxic positivity auf Social Media: Wenn Optimismus krank macht

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 15. Juni 2026 10:46
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Katharina ist Mitte 40 und hat seit ihrer Jugend immer wieder mit Depressionen zu kämpfen. Zuletzt war das in der Pandemie der Fall. 2021 spürt sie, dass sie psychisch in ein Loch fällt und eigentlich therapeutische Hilfe bräuchte. „Die Pandemie hat mich sehr mitgenommen“, erzählt sie im ARD-Podcast „Die Lösung“. „Aber es war damals nicht möglich, einen Therapieplatz zu bekommen, wegen der großen Nachfrage.“ Katharina sucht im Internet nach Hilfe.

Inhaltsübersicht
Glück – nur eine Frage des Mindsets?Manifestations-Glaube: Problematisches HeilsversprechenC. G. Jung: „Was man ablehnt, bleibt nicht nur bestehen, sondern wird immer größer“Wut, Angst, Ekel: Unangenehme Gefühle sind Warnsignale

Glück – nur eine Frage des Mindsets?

Sie stößt auf die Web-Angebote einer Influencerin, die sich selbst als spirituellen Coach bezeichnet. Ihre Online-Kurse sprechen Katharina an: Meditations- und Achtsamkeits-Trainings, die innere Ausgeglichenheit und „weniger Mangel, mehr Fülle und Freude“ versprechen. Sie kosten zwischen 90 und 600 Euro. Ein Preis, den Katharina bereit ist zu zahlen, ihr Leidensdruck ist groß. „Ich habe jedes Insta-Reel aufgesogen wie einen Schwamm, auch aus meiner Verzweiflung heraus“, berichtet Katharina. „Ich dachte, dass ich es durch tägliche Meditation und extrem gelebte Spiritualität schaffe, mich selbst zu heilen“.

So verspricht es zumindest die Lebensberaterin, die die Web-Kurse anbietet, ihren Usern. „Jeder Mensch habe die Chance, sich sein Leben aufzubauen, wie er es möchte“, erzählt Katharina. „Man müsse die eigenen Wünsche nur immer wieder manifestieren, also sich diese vorstellen, sie aufschreiben, sich aktivieren. Dann könne jeder alles schaffen.“

Manifestations-Glaube: Problematisches Heilsversprechen

Ein solches Heilsversprechen hält die Psychologin und Psychotherapeutin Nike Hilber für höchst fragwürdig. „Dieses so genannte Manifestieren ist eine Praktik aus der populärpsychologischen und pseudo-spirituellen Szene“, sagt Hilber. „Seit ein paar Jahren gibt es darum einen Riesen-Hype, vor allem in den sozialen Medien: So genannte Manifestations-Coaches suggerieren, dass man mit Manifestation, also mit ‚Positivdenken‘ jedes Problem lösen kann.“ 

Zwar sei es generell nicht verkehrt, sich durch Optimismus selbst zu bestärken, so die Psychotherapeutin. Das könne dabei helfen, Situationen konstruktiv anzugehen – aber eben nur, solange negative Gefühle dabei nicht ignoriert oder unterdrückt würden. Und genau das predigt die Manifestations-Szene: „Das ist quasi die Überzeugung, dass man, egal wie schlimm oder schwierig eine Situation ist, eine positive Einstellung beibehalten und negativen Gefühlen keinen Raum geben sollte.“

Im Umkehrschluss werde so suggeriert, „dass alle, denen es gerade schlecht geht, nur die falsche Einstellung haben und dass sie selbst schuld sind am eigenen Unwohlsein oder Misserfolg“, so Hilber. Eine so verstandene Positivität bezeichnet die Psychologie inzwischen als „toxic positivity“.

C. G. Jung: „Was man ablehnt, bleibt nicht nur bestehen, sondern wird immer größer“

Deren destruktive Wirkung bekommt auch Katharina zu spüren. Trotz der täglichen Meditations-Einheiten der Life-Coach geht es ihr immer schlechter. „Ich habe gemerkt, dass ich nach diesen Meditationen völlig aufgelöst und wütend war. Ich dachte, ich mache etwas falsch, ich kann noch nicht mal meditieren. Was kann ich überhaupt?“

Ihre Selbstzweifel werden immer größer. Ein Phänomen beim falschen Umgang mit negativen Gefühlen, das unter anderem schon der Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, C. G. Jung, Anfang des 20. Jahrhunderts festgestellt hat. Er schreibt: „Was man ablehnt, bleibt nicht nur bestehen, sondern wird immer größer.“

Wut, Angst, Ekel: Unangenehme Gefühle sind Warnsignale

Wenn man unangenehme Gefühle unterdrücke und versuche, nur positive zuzulassen, dann sei das auf Dauer ungesund, so Nike Hilber im Podcast „Die Lösung“. Denn unangenehme Gefühle wie Wut, Angst oder Ekel hätten eine wichtige Funktion: „Sie signalisieren uns, dass etwas falsch läuft.“ Sie schalten das innere Alarmsystem an. Erzeugen Stress – und Handlungsdruck, damit wir reagieren und etwas an unserer Situation verändern, erklärt die Therapeutin. Das bedeute aber, sich mit den Ursachen seiner unangenehmen Gefühle auseinandersetzen zu müssen. Das brauche Zeit, Ehrlichkeit mit sich selbst und in manchen Fällen psychotherapeutische Hilfe.

Nicht nur Optimismus – auch unangenehme Gefühle können also dabei helfen, etwas zu verändern. So auch im Fall von Katharina: Ihre Wut beim Manifestieren war irgendwann größer als ihre Selbstzweifel. Sie fand so die Kraft, sich von den Online-Coachings der Lebensberaterin abzumelden. Und Glück hatte sie auch: Sie bekam den lang beantragten Therapieplatz. Ihre depressive Phase hat sie inzwischen überwunden.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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