Ein Gespräch kippt plötzlich. Eine Kritik wird sofort zurückgewiesen. Oder es entsteht das Gefühl, dass die eigene Wahrnehmung immer wieder infrage gestellt wird. Viele Menschen erleben solche Situationen im Kontakt mit einer sehr dominanten oder stark selbstbezogenen Person. Die eigenen Gefühle werden dabei häufig relativiert. Zurück bleibt nicht selten Verunsicherung, manchmal auch der Eindruck, mit einem selbst stimme etwas nicht, oder das Gefühl, ständig darauf achten zu müssen, was man sagt, damit die Situation nicht eskaliert.
Wenn sich solche Situationen häufen, kann mehr dahinterstecken als einzelne Konflikte. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff Narzissmus. Gemeint ist damit kein alltägliches Ego-Verhalten, sondern eine ausgeprägte Persönlichkeitsstruktur, die sich deutlich auf den Umgang mit anderen auswirkt.
Was ist Narzissmus?
Narzissmus beschreibt eine Persönlichkeitsstruktur, bei der Menschen ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung haben und sich selbst oft sehr positiv bewerten. Fachleute sprechen von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, wenn diese Muster dauerhaft auftreten und den Alltag oder Beziehungen belasten.
Narzissmus erkennen: Welche Anzeichen sind typisch?
- übersteigerte Selbstwahrnehmung
- ständiges Bedürfnis nach Anerkennung
- geringe Empathie
- starke Kritikempfindlichkeit
- Schwierigkeiten, eigene Fehler einzugestehen
Wichtig: Selbstbewusstsein allein ist kein Hinweis auf Narzissmus. Erst wenn die Merkmale stark ausgeprägt sind und zu Konflikten führen, kann eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegen.
Narzissmus und Selbstwertgefühl: Was steckt hinter der Fassade?
Hinter einem nach außen sehr selbstsicheren Auftreten steckt oft ein fragiler Selbstwert. Betroffene leiden oft unter einem geringen Selbstwertgefühl, großer Kränkbarkeit und Angst vor dem Scheitern. Kritik oder Zurückweisung werden deshalb besonders schmerzhaft erlebt, sagt Sabine Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) (externer Link) im Interview mit BR24.
Mehrere Ausprägungen: Welche Arten von Narzissmus gibt es?
- Offener (exhibitionistischer) Narzissmus: Betroffene wirken selbstsicher, stellen ihre Erfolge heraus und erscheinen oft arrogant.
- Grandios-maligner Narzissmus: Hier kommen narzisstische Merkmale mit Aggression, Misstrauen und antisozialem Verhalten zusammen.
- Verdeckter (vulnerabel-fragiler) Narzissmus: Betroffene wirken häufig schüchtern und verletzlich. Dennoch kreisen ihre Gedanken stark um die eigene Person. Kritik kann schwere Krisen auslösen.
Ursachen von Narzissmus: Wie entsteht narzisstisches Verhalten?
Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Nach bisherigem Forschungsstand spielen genetische Faktoren eine wichtige Rolle. Daneben können auch Erziehung und soziales Umfeld Einfluss haben.
Uneinigkeit besteht darüber, welche Erziehungsstile narzisstische Züge besonders fördern. Diskutiert werden sowohl eine Erziehung mit zu wenigen Grenzen als auch emotional kalte oder stark abwertende Elternhäuser.
Fördern soziale Medien Narzissmus?
Eine Meta-Analyse von Forschenden aus Würzburg und Bamberg (externer Link) kommt zu einem differenzierten Ergebnis: Menschen mit narzisstischen Eigenschaften nutzen soziale Medien besonders häufig zur Selbstdarstellung. Einen eindeutigen Beleg dafür, dass soziale Netzwerke Narzissmus verursachen oder verstärken, fanden die Forschenden jedoch nicht.
Kann Narzissmus behandelt werden?
Eine Therapie gilt als schwierig, weil viele Betroffene ihr eigenes Verhalten nicht als problematisch ansehen. Sie sehen Fehler nie bei sich selbst, sondern eher bei anderen. Häufig suchen sie erst Hilfe, wenn zusätzlich Depressionen oder Angststörungen auftreten.
Die narzisstische Störung ist nicht heilbar, kann aber mithilfe einer psychiatrischen beziehungsweise psychotherapeutischen Behandlung so gemildert werden, dass das Leben für Betroffene und ihr soziales Umfeld erträglicher ist. Therapien können helfen, Beziehungen zu verbessern und mehr Verständnis für die Gefühle anderer Menschen zu entwickeln. Ziel ist vor allem, die Beschwerden und Konflikte im Alltag zu verringern.
Wie gelingt der Umgang mit Narzissten?
- klare Grenzen setzen und Manipulationsversuche erkennen
- Kritik sachlich und als Ich-Botschaft formulieren
- konkretes Verhalten statt die Person kritisieren
- keine therapeutische Rolle übernehmen
- bedenken, dass hinter dem Verhalten oft ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung steckt
- aufmerksam zuhören, ohne die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren
- die hohe Kränkbarkeit vieler Betroffener berücksichtigen
Narzissmus in Beziehungen
Wer dauerhaft das Gefühl hat, es einer narzisstisch geprägten Person nie recht machen zu können, sollte sich bewusst machen: Die Verantwortung dafür liegt nicht bei einem selbst. In Beziehungen kann ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung dazu führen, dass sich vieles um Anerkennung dreht. Dabei werden die Bedürfnisse des Partners nicht ausreichend berücksichtigt. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Erwartungen realistisch zu halten und sich emotional nicht zu stark zu binden.

