St. Ottilien ist ein katholisches Idyll unweit des Ammersees. Doch in der Benediktinerabtei gibt es einen Ort, den manche nur die „Hölle“ nennen. Dahinter verbirgt sich die frühere verbotene Abteilung der Klosterbibliothek: ein Giftschrank für Bücher, die Katholiken lange nicht lesen sollten.
„Früher war der Schlüssel natürlich versteckt“, sagt Pater Cyrill, der heute den Verlag von St. Ottilien leitet. Bis vor 60 Jahren landeten hier Bücher, die auf dem sogenannten „Index librorum prohibitorum“ standen – der Liste verbotener Bücher der katholischen Kirche.
Index verbotener Bücher prägte Katholiken jahrhundertelang
Der Index war eine Art schwarze Liste. Alle paar Jahre erschien eine neue Ausgabe. Bibliothekare waren verpflichtet zu prüfen, ob neu angeschaffte Bücher darauf standen. War das der Fall, wurden sie weggesperrt.
Von der Kirche geächtete Bücher gab es bereits in der Antike. Der allgemeingültige Index des Vatikans entstand jedoch erst im 16. Jahrhundert als Reaktion auf die Reformation. Rund 400 Jahre lang legte er fest, welche Literatur für Katholiken erlaubt war und vor welcher die Gläubigen geschützt werden sollten.
Im Hintergrund habe die Sorge um das Seelenheil gestanden, erklärt Pater Cyrill. Gefürchtet worden sei, dass Menschen ihren Glauben verlieren könnten.
Autoren mussten mit drastischen Folgen rechnen
Besonders kritisch sah die Indexkommission theologische und philosophische Texte, die von der offiziellen kirchlichen Lehre abwichen. Auch Bücher über Zauberei oder Erotik konnten auf dem Index landen. Bischöfe meldeten verdächtige Werke nach Rom. Dabei spielten laut Pater Cyrill durchaus auch persönliche Ansichten eine Rolle.
Für betroffene Autoren hatte das oft schwerwiegende Konsequenzen. Wer auf dem Index stand, sei gesellschaftlich und kulturell geächtet worden. Lehrstühle gingen verloren, Menschen wurden ausgegrenzt. „Und das war gerade im 20. Jahrhundert oft dramatisch, da sind ganze Existenzen zerstört worden“, sagt Pater Cyrill.
Auch Leser mussten vorsichtig sein. Der Besitz häretischer Literatur konnte kirchenrechtliche Folgen haben. Viele gläubige Katholiken hätten die Verbote sehr ernst genommen. Ältere Priester hätten ihm berichtet, dass sie nie auf die Idee gekommen wären, ein verbotenes Buch zu lesen, erzählt Pater Cyrill.
Kant, Heine und Sartre auf der Verbotsliste
In katholischen Regionen wie Bayern war der Zugang zu solchen Büchern deshalb stark eingeschränkt. Katholische Buchhändler führten sie nicht.
Heute liest sich die letzte Fassung des Index aus dem Jahr 1948 wie ein Verzeichnis der Weltliteratur. Auf der Liste standen unter anderem Rousseau, Kant, Descartes, Heine, Sartre, Balzac, Dumas, Lessing, Locke, Luther, Pascal und Voltaire.
Wer die verbotenen Werke trotzdem lesen wollte, benötigte eine Sondergenehmigung. Ein in St. Ottilien überlieferter Brief zeigt, wie ein Gymnasiast 1959 die Erlaubnis erhielt, Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ für ein Jahr aufzubewahren und zu lesen.
Ende des Index vor 60 Jahren
Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil änderte sich die Haltung der Kirche. Im Juni 1966 erklärte die Glaubenskongregation das Ende des Index. Fortan setzte die Kirche auf die Eigenverantwortung der Gläubigen. Sie vertraue auf die „Gewissensreife der Gläubigen“, hieß es damals.
Für Pater Cyrill ist das Thema dennoch nicht nur ein Kapitel der Kirchengeschichte. Die Frage, welche Inhalte akzeptiert und welche ausgegrenzt werden, stelle sich bis heute. Wer sich mit verbotenen Büchern beschäftige, werde sensibler für ähnliche Tendenzen in der Gegenwart, sagt er.

